Deutsche Identität und Nation vor 200 Jahren und heute

 

 

Andreas Piederstorfer*

 

 

 I. Einleitung

 

 "Barbaren von alters her, durch Flei„ā und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tief unfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefä?es."1)

 

  In dieser wenig schmeichelhaften Weise charakterisierte Hölderlin seine Landsleute und verbalisierte damit eine Tradition des Selbsthasses, die viele deutsche Schriftsteller und Intellektuelle auch heute weiterspinnen. Das gebrochene Verhältnis mit der eigenen Identität und die Distanzierung von der eigenen Nation ist also nicht gerade eine neue 'Errungenschaft' der Nachkriegsautoren.

  Das so schmachvoll zu Ende gegangene tausendjährige Reich hat allerdings neue Lasten auf die deutschen Poeten gehäuft, die Botho Strau? mit bekannter Wortmacht gebannt hat:

  "Das deutsche Entsetzen der deutsche Selbstha„ā die deutsche Leere. Ich spürte Vergangenheit ansteigen wie Hochwasser in mir. Es verwüstete mein Wohnen und zwang mich, auf dem Dach meines Hauses zu biwakieren."2)

  Der Verlust von Einbindung in geschichtliche Tradition und nationale Identität ist nicht nur von Strau? thematisiert worden, Intellektuelle in den verschiedensten politischen Lagern äu?ern ihr Unbehagen und setzen sich damit unter dem immer noch von antinationaler politischer Korrektheit bestimmten Zeitgeist stärksten Anwürfen aus. Die Auseinandersetzung um die Rede Martin Walsers bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Ende Oktober 1998 ist wohl nur ein vorläufiger Höhepunkt eines immer mehr als überfällig empfundenen gesellschaftlichen Diskurses.

  In mancher Hinsicht erinnert diese Diskussion an eine Entwicklung, die sich bereits vor 200 Jahren abgespielt hat. Ziel dieses Artikels ist es, einige Aspekte der literarischen und politischen Kontroverse um die nationale Identität und Einheit damals und heute in ihrer historischen Entfaltung nachzuzeichnen.

 

 

„±. Zur den Anfängen deutscher Identitätsbildung

 

 Selbstbilder entstehen in der Regel in der Auseinandersetzung mit den Nachbarn. Im Falle Deutschlands geht es dabei besonders um Frankreich. Beim Vergleich der Selbstbilder fallen schon auf den ersten Blick gravierende Unterschiede zwischen beiden Ländern ins Auge. Das zentralisierte und absolutistische Frankreich konnte bereits im 17. und 18. Jahrhundert ein relativ einheitliches, für das ganze Land repräsentatives Selbstbild entwickeln. Im zutiefst fragmentierten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wurde dies sehr zögerlich seit 1750 in Angriff genommen und gelang erst im oft kriegerischen Konflikt und friedlichen Austausch mit Frankreich. Nach sozialpsychologischen Erkenntnissen erfolgt die Konstruktion des Bildes des Nachbarvolkes oft als Gegenbild, um bei den Mitgliedern der eigenen Gruppe die Identifikation mit ihrem Rollenbild zu fördern. Auto- und Heterostereotypen müssen also in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit gesehen werden, um dem Bauplan der nationalen Identität auf die Spur zu kommen.

 

  Die Franzosen des 18. Jahrhunderts sahen auf das Ausland und dabei nicht zuletzt die als germanisch identifizierten Gebiete als barbarisch herunter. Begründet wurde dies durch die Klimatheorie, der zufolge die gemä?igte Zone Frankreichs als der ideale Nährboden für die Entwicklung von Kultur, Zivilisation und Intellekt zu gelten hatte. Von den armen Germanen war danach kulturell wenig zu erwarten, da sie keine Mu?e für solchen Luxus hatten und sich mit den Unbilden des Wetters herumschlagen mu?ten. Derart narzisstischer Chauvinismus wurde aber bereits von den exilierten Hugenotten in Frage gestellt, die in ihrer neuen Heimat sehr wohl zurechtkamen und in Reminiszenz auf die politischen Verhältnisse in Frankreich von den Germanen als Vätern der politischen Freiheit sprachen.

  In Deutschland wurde der Spie? nun einfach umgedreht. Der bel esprit, die Galanterie und Konventionen, auf die sich die Franzosen soviel zugute hielten, wurde mit der dort ebenfalls reichlich vorhandenen Korruption, Materialismus, Egoismus, Arroganz, Immoralität und Affektiert- und Geschraubtheit zusammengeworfen und gab eine perfekte Plattform für die Entwicklung eines Selbstbildes im Gegenentwurf. Der deutsche Charakter war demnach geprägt von Ehrlichkeit, geistigen Werten, Altruismus, Aufrichtigkeit und Natürlichkeit.

 

  Die Form dieser Polarisierung kam nicht zuletzt dadurch zustande, da? die kulturtragende  Schicht in Frankreich der Adel, in Deutschland dagegen das Bürgertum war. Die Hofsprache des deutschen Hochadels war ohnehin Französisch und dort wurde die manierierte Kultur der französischen Aristokratie als universeller Standard angesehen. Der europäische Adel hielt ständische Gegensätze für weitaus wichtiger als nationale und hegte brüderliche Gefühle eher für seine Standesgenossen im Nachbarland als für seine 'gemeinen' Landsleute. Die Konstruktion einer bürgerlichen deutschen Identität war so auch politisches Mittel im Klassenkampf, da damit der deutsche Adel aus Deutschland hinausdefiniert werden konnte. In der deutschen Einigungsbewegung paarten sich Nationalismus und gegen die absolutistischen Territorialfürsten und den Adel gerichteter demokratischer Freiheitskampf.

 

  Montesquieu und Voltaire fügten eine historische Dimension, den Zeitgeist, zu der Kategorie der Nationalcharakters hinzu und hatten damit gro?en Einflu? auch auf die Diskussion in Deutschland. Ab jetzt gehörten zur Identität auch Mythologie, Helden, Fabeln, und Geschmack eines Landes. Auf diesen deutschen Nationalgeschmack beriefen sich Schlegel, Lessing und Nicolai in ihren literarischen Abhandlungen und Briefen. Die Integrationsdefizite der 'verspäteten Nation'  waren aber auch Lessing klar, der in der 'Hamburgischen Dramaturgie' spottete "über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen" zu einer Zeit, in der sie "noch keine Nation seien".

 

  Rousseau und  die zu seiner Schule gehörenden Intellektuellen allerdings lädierten den Lack des französischen Selbstbildes weiter, indem sie die Höflichkeit und Feinheit ihres Landes als Verbrämung von Rohheit und Immoralität bezeichneten. In die gleiche Kerbe schlugen die Enzyklopädisten, die Friedrich II. zum Salomon des Nordens und Philosophen auf dem Thron hochstilisierten und Toleranz und Gedanken- und Gewissensfreiheit in Preu?en lobten, um damit den Bourbonen eines auszuwischen. Die französische Selbstkritik und deren neues positives Deutschlandbild wurden dort gerne registriert und schienen die eigenen Vorstellungen von sich selbst zu bestätigen.

 

 

„². Der Verlust nationaler Identität

 

  Den Deutschen war durch das Hitler-Abenteuer lange Zeit gründlich die Lust an ihrer nationalen Identität vergangen. Die unbeschreiblichen Verbrechen, die im Namen des Volkes begangen worden waren, entzogen jeder positiven Identifikation mit einer mythisch begründeten Nation den Boden.  Im Nationalismus wurde der eigentliche Motor des Krieges gesehen und die Deutschen bemühten sich angelegentlich um eine internationalistische und kosmopolitische Perspektive.

 

  Nationalität und nationale Identität sind Codes der Inklusion und der Vergemeinschaftung, die mit anderen Codes, wie Stammes- oder Familienzugehörigkeit, Ethnizität, Kaste, Stand, Klasse usw. konkurrieren. Auch in theoretischer Sicht erschien nun der Nationencode nur als unvermeidliches Zwischenstadium der Evolution auf dem Weg zu einer universalistischen Weltgesellschaft und man ging davon aus, da? seine historischen und materiellen Grundlagen und Bedingungen durch Globalisierung und internationale Produktionsverflechtung und Arbeitsteilung weggefallen waren. Nationen waren nach dieser Auffassung einfach überholt und veraltet.

  Die Diskussion wurde besonders von Habermas beeinflusst, der meinte

  "da die Überwindung des Faschismus die besondere historische Perspektive (bildet), aus der sich eine postnationale, um die universalistischen Prinzipien von Rechtsstaat und Demokratie herum gebildete Identität versteht."3)

 

  Die Loyalität der Bürger zu ihrem Staat sollte durch den sog. Verfassungspatriotismus` begründet werden. Die von dieser intellektuellen Orientierung auf eine liberal verfa?te Staatsbürgernation nicht aufgesogenen emotionalen Identifikationsbedürfnisse sollten durch das gemeinsame Haus Europa oder die Zugehörigkeit zum Freien Westen befriedigt werden.

  Der Zeitgeist wurde von einem 'sinnlichen Materialismus' getragen, der die Institutionen der Gesellschaft nur gelten lassen wollte, wenn sie den Bedürfnissen der Individuen und ihrem Anspruch nach autonomer und gleichberechtigter Kontrolle ihrer Lebensverhältnisse genügten.

 

  Die Frage der nationalen Identität war zudem untrennbar mit dem Problem der nationalen Einheit verbunden. Aber weder deutsche Teilung und noch Mauerbau inspirierten deutsche Literaten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zu positiven Ansätzen zur Wiedervereinigung. Wenn - wie bei Grass - der Begriff der deutschen Kulturnation auftauchte, dann, um Notwendigkeit einer staatlichen Wiedervereinigung zu bestreiten.

 

„².1. Die westdeutsche Intelligenz zu Teilung und Mauerbau

  

  Das Verhältnis westdeutscher Intellektueller zu DDR und Mauerbau fu„āt auf ihrem    Verhältnis zum eigenen Staat und ihrer ideologischen Heimat.

  Grundlegender Konsensus und Ausgangspunkt fast aller Gruppierungen ist die Verdammung des Faschismus. Je nach politischer Position und historischer Analyse wurden aber sehr unterschiedliche Konsequenzen aus dieser gemeinsamen Ablehnung gezogen.

 

  Die in sozialistischer oder kommunistischer Tradition stehenden Autoren identifizieren die Bundesrepublik mehr oder weniger als Nachfolgestaat des Nationalsozialismus. Dies rührt zum Teil aus der personellen Kontinuität der Machteliten im Dritten Reich und der BRD. Gro?en Teile des Beamtenapparates z.B. gelang es, die Entnazifizierung unbeschädigt zu überstehen und auch in der jungen Bundesrepublik die gesellschaftlichen Verhältnisse mitzubestimmen. In noch grö?erem Ma?e gilt dies für die Wirtschaftsführer, die weitgehend ungeschoren davonkamen, schon weil man ihrer beim Wiederaufbau dringend bedurfte.

 

  Wichtiger ist aber für die Linke eine marxistische Faschismusanalyse, die die Schrecknisse des deutschen Nationalsozialismus aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung herleitet, oder Faschismus und Kapitalismus sogar als zwei Seiten einer Medaille betrachtet. Manfred Clemenz sprach 1973 im Kursbuch 31 von einer 'kalten Faschisierung der Bundesrepublik' und meinte:

  "Die ökonomischen, politischen und sozialen Funktionen der parlamentarischen und der faschischtischen Herrschaft gleichen sich in wesentlichen Punkten... Struktureller Staatsfaschismus wäre somit eine kapitalistische Herrschaftsform zur Umgehung des offenen Faschismus, eine friedlichere und ökonomischere Version des offenen Faschismus, eine Herrschaftsform jedoch, die beim Scheitern in ihrer zentralen Aufgabe, dem antizippierenden Krisenmanagement, jederzeit die Möglichkeit des Übergangs zum offenen Faschismus bereithält."4)

 

  Aus dieser Sicht war die DDR allemal die humanere und bessere Staatsform (im Gegensatz zur lieblosenen Republik', Dieter Lattmann), die allenfalls einige von ihrer feindlichem Bruder zu verantwortende Schwierigkeiten hatte, ihre potentielle Menschlichkeit in politische Realität umzusetzen.

  Dazu wurde von der Linken auch eine geschichtliche Legitimation in Anspruch genommen, die sie aus ihrem langen Kampf gegen die Faschisten schon seit der Weimarer Republik herleitete.

  Unter diesen Umständen wurde die Mauer in den Köpfen vieler Intellektueller tatsächlich zum antiimperialistischen Schutzwall', zu dem sie von den DDR-Machthabern umgelogen worden war.

  Ihr negatives Verhältnis  zum westdeutschen Teilstaat lie? sie das schlimmste für ein wiedervereinigtes Gesamtdeutschland befürchten. Besonders Günter Grass tat sich in der Wiedervereinigungsphase durch fast hysterische Warnungen hervor. Er bestritt in einem Gesprch mit dem SPIEGEL die gängige Interpretation der Präambel des Grundgesetzes, die nach allgemeinem Verständnis der bundesdeutschen Politik das Bestreben nach Wiedervereinigung zur Pflicht machte:

 

"SPIEGEL: Dann werfen Sie jedem, der vom Wiedervereinigungsgebot der  Verfassung redet, vor, da? er die Verfassung nicht kennt.

GRASS:  ...die Verfassung nicht kennt oder, wenn er sie kennt, wider besseres Wissen redet.

SPIEGEL: Was würden Sie bei Herrn Kohl annehmen?

GRASS: Ich glaube der Bundeskanzler kennt sie gar nicht.5)

 

  Dieser höchst eigenartige Anspruch, im Gegensatz zur fast allen anderen die Verfassung richtig zu

interpretieren, zeigte bereits eine eher paranoide Haltung zur deutschen Einheit. Im selben Interview ging er

sogar soweit, den Wunsch der Deutschen nach nationaler Einheit vor 200 Jahren zu verleugnen.

 

   "SPIEGEL:  Aber die deutsche Einigung seit den Befreiungskriegen lief doch immer auf eine Nation, einen gemeinsamen Staat hinaus.

    GRASS: Keineswegs. Damals in der Paulskirche 1848 wurde eine Vielzahl von Konzepten diskutiert. Ich beziehe mich lieber auf den Herderschen Begriff von der Kulturnation."6)

 

Grass repräsentiert in vieler Hinsicht fast idealtypisch das Denken der traditionellen Linken zur deutschen Wiedervereinigung. Die Kritik an den angeblich brutalen kapitalischen Verhältnissen der BRD und die Belobigung der höchst zweifelhaften 'Errungenschaften' der DDR paaren sich mit überspannten Phantasien über eine Wiederholung des Nationalsozialismus in einem deutschen Einheitsstaat oder einem neuen Krieg, der von Deutschland ausgehen würde.

  In seinem Artikel Deutschland  zwei Staaten  eine Nation' meinte Grass:

  

  "Deutsche Einheit, so lehrt die Geschichte, hat, in der Mitte Europas und bis in die

Welt hinein wirksam, immer wieder landläufige Krisen zum überregionalen Konflikt auswuchern lassen. Deutsche Einheit hat sich zu oft als Bedrohung für unsere Nachbarn erwiesen, als da? wir sie uns und unseren Nachbarn weiterhin  und sei es auch nur als Zielvorstellung zumuten dürften. Hingegen ist deutsche Einigung dann möglich, wenn sie sich der Projektion Einheit enthält, ja, weitergehend, wenn sie den Verzicht auf Einheit als Voraussetzung für die Einigung begreift.''7)

 

  Hier verwies Grass auf seine Vorstellung einer Konföderation deutscher Staaten, die er bereits in den 60er Jahren entwickelt hatte.

  Die andere, kleinere oder jedenfalls leisere Gruppierung der westdeutschen Intellektuellen stand im Geist Churchills, der die Demokratie als schlechteste aller Regierungsformen  mit Ausnahme aller anderen  bezeichnet hatte. Es wurde zwar die Reformbedürftigkeit der BRD aber auch ihre Reformierbarkeit gesehen und die prinzipielle Überlegenheit des demokratischen Systems über jede Form des Totalitarismus. Aus dieser Sicht war die DDR der Nachfolger der Nazis, die nur die politischen Farben der Diktatur gewechselt, ihre Strukturprinzipien aber beibehalten hatte.

  Die Mauer war für sie die physische Manifestation des Kerkers, in  den die Kommunisten den Osten Deutschlands verwandelt hatten.

  Trotzdem hielt sich auch hier der Protest in Grenzen. Viele hielten die Teilung für eine gerechte Strafe für die von Deutschland angerichteten Greuel, andere glaubten an den nur vorübergehenden Charakter der Teilung und erwarteten den baldigen Fall der Mauer.

  Allen gemeinsam war auf dem damaligen Höhepunkt des kalten Krieges die Furcht vor einem Atomkrieg, der die ganze Welt zu gefährden schien. Im Vergleich dazu war die Mauer ein Übel, mit dem man leben konnte.

  Rechtskonservative Intellektuelle sind in der BRD vor den 80er Jahren kaum in Erscheinung getreten. Autoren wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger wurden kaum noch zur Kenntnis genommen oder waren in ihrer Wirkung eng begrenzt.

  Noch mehr galt dies für Leute wie Hans Grimm, Ina Seidel oder Gerhard Schumann, die in zu den Hofschriftstellern der Nazis gehört hatten und sich in der Nachkriegszeit um eine Rechtfertigungsprosa bemühten. Auch sie wurden kaum noch gelesen und gerieten in Vergessenheit.

  Das rechte Parteienspektrum war ohnedies antiintellektuell eingestellt, sah in den Schriftstellern nur Pinscher' und bemühte sich folgerichtig nicht um ihre Hilfestellung.

  Im Frühjahr 1960 war in München eine Veröffentlichung mit dem Titel 'Verschwörung gegen die Freiheit. Die kommunistische Untergrundarbeit in der Bundesrepublik' erschienen. In diesem Machwerk wurden 452 Professoren, Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller kommunistischer Kulturarbeit verdächtigt. Zu dem angegriffenen Personenkreis gehörten immerhin Grö?en wie die Nobelpreisträger Hermann Staudinger und Max Born, die Komponisten Carl Orff und Werner Egk und die Schriftsteller Erich Kästner und Wolfgang Koeppen. In dieser Veröffentlichung, die allgemein dem Staatsschutz zugeschrieben wurde, zeigte sich die tiefgreifende Entfremdung, die sich im Verlauf der Diskussion um Restauration, Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, Atomrüstung und Eintritt in die NATO zwischen Politik und Intelligenz ergeben hatte.

  Der wachsende Antikommunismus der Regierung Adenauer richtete sich immer mehr auch gegen linke oder der Linksabweichung verdächtigte Intellektuelle, die immer mehr in eine machtlose Opposition und Isolation zum politischen System gerieten.

 

„².2 Die Reaktion im Osten

 

  Die ostdeutschen Literaten quittierten den Mauerbau mit Zustimmung oder mit  Schweigen. Ihre moralische Widerstandskraft war durch die Ereignisse der 50er Jahre schon weitgehend zermürbt worden. Der Arbeiteraufstand von 1953 und die darauf folgende Intellektuellenhetze, die Entstalinisierung der Ära Chrustchow und schlie?lich der erneute Kurswechsel und die Verhärtung der Jahre 1958 und 1959  hatten wenig Standhaftigkeit bei den Literaten der DDR hinterlassen. Viele ihrer besten Köpfe waren ohnedies in den Zuchthäusern verschwunden oder in den Westen geflohen.

  Seit der Bitterfelder Konferenz" des Jahres 1959 standen die ostdeutschen Schriftsteller auch unter starkem Druck aus einer weiteren Richtung. In Übereinstimmung mit den Beschlüssen des V. Parteitages der SED waren anstelle der jährlich einmal stattfindenden Autorenkonferenz Schriftsteller, Künstler, Vertreter der Gewerkschaften und Verbände sowie Arbeiter in das Elektrochemische Kombinat in Bitterfeld eingeladen worden. Ulbricht hatte klargestellt, da? er Literatur und Kunst als 'Produktionsfaktor' ansah, der die Werktätigen zu grö?eren Leistungen anspornen sollte, um endlich die Bundesrepublik wirtschaftlich einzuholen.

  In Bitterfeld wurde nun angekündigt, einerseits Schriftsteller in die Produktion zu schicken, damit sie die Wirklichkeit des sozialistischen Alltags kennenlernen sollten, um sie dann in ihren Büchern zu beschreiben. Auf der anderen Seite sollten Arbeiter und Bauern selbst zur Feder greifen und zur ideologisch zuverlässigen Quelle einer sozialistischen Nationalliteratur werden. Diese ebenso romantische wie tückische Idee, sich aus den Kreisen der Proletarier willfährige Trompeter des Sozialismus heranzuzüchten, war natürlich langfristig zum Scheitern verurteilt. Einer ihrer Effekte war aber, die ostdeutschen Künstler ihre Entbehrlichkeit vor Augen zu führen, sie zu disziplinieren und ihnen weiter den Mund zu stopfen.

  Der Mauerbau des 13. Augusts 1961 löste in gro?en Teilen der Bevölkerung Verbitterung aus und stürzte auch viele eingefleischte Kommunisten in eine tiefe Identifikationskrise. Aus Schriftstellerkreisen wurde er dagegen mit Schweigen bedacht oder gab den unvermeidlichen Speichelleckern sogar Gelegenheit, ihre Regimetreue unter Beweis zu stellen.

  Heiner Müller sagte offen: "Wir waren für diese Ma?nahme, um dann über alles offen reden zu können." Sein Kollege Otto Gottsche hielt selbst diese lahme Ausrede für überflüssig und drohte: "Wir werden jeden an dieser Mauer zerquetschen."8)  

 

 

„³. Die Renaissance der Nation

 

  Der erste Ansatz zu einem Umschwung im Westen ergab sich mit der Bildung der konservativ-liberalen Regierung Kohl im Jahre 1982. Diese propagierte eine 'Wertekulturpolitik', die sich gegen Hedonismus und Anspruchsdenken, das Schwinden von Disziplin, Arbeitsmoral und Leistungsdenken wandte und dagegen eine Aufwertung von Familie, Nation, Tradition und Erziehung setzte.

  Den weitaus wichtigeren Einbruch aber brachte der Zusammenbruch des sog. 'real existierenden Sozialismus' und die Wiedervereinigung; das Jahr 1989 wird in der Literatur oft als das Jahr des Paradigmenwechsels bezeichnet.

  Dabei kann es natürlich nicht darum gehen, da eine breite Mehrheit der Intellektuellen oder der Bevölkerung einen plötzlichen Stellungswechsel hin zum Neokonservatismus oder gar zum Rechtsradikalismus vollzogen hätte. Aber noch 1986 war der antinationale Konsensus in der Gesellschaft so stark, da der Historiker Ernst Nolte mit seinen Thesen zur Kriegsschuldfrage und seiner Relativierung der Judenvernichtung gro?en Skandal gemacht hatte und dieser Konsensus begann jetzt erste Bruchstellen zu zeigen.

  Nun wurde plötzlich auch zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte von bekannten Politikwissenschaftlern die konsequente Verfolgung der partikularen Interessen der Bundesrepublik gefordert.9)

  Diese Wiederentdeckung der nationalen Interessen hängt natürlich auch damit zusammen, da? für viele die Vereinigung als den Schlu?strich unter die Wiedergutmachungsleistungen und Trauerarbeit der Nachkriegsgeschichte bedeutet. Sie wurde von vielen als das schlie?liche Absitzen und Ende einer 40jährigen Strafe angesehen, an das sich ein neuer Anfang anschlie?en müsse. Das Wort von der 'Normalisierung' des geschichtlichen Selbstverständnisses und der politischen Rolle Deutschlands in der Welt, das noch vor wenigen Jahren Spitzenpolitikern die Karriere gekostet hat, findet heute - wenn auch noch gegen heftige Widerstände - Eingang in das gebräuchliche politische Vokabular. Mit der Wiedervereinigung und den sich darum rankenden ideologischen Auseinandersetzungen ist das Bedürfnis gewachsen, das amputierte nationale Ich wieder zu regenerieren. Die Aktualität dieser Identittsdiskussion speist sich aus vielen Quellen.

  Der europäische Einigungsprozess führt den Deutschen die unbekümmerte Selbstverständlichkeit des Stolzes auf die eigene Nation und der Verfolgung nationaler Interessen bei unseren Nachbarn vor Augen und lassen die Deutschen ihre unpatriotische Ausnahmestellung noch deutlicher fühlen.

  Die grossen Immigrantengruppen in der BRD haben gegen den Anpassungsdruck in ihrer neuen Heimat eine Reihe von Immunisierungstrategien entwickelt oder importiert, die um die Begriffe der Ethnie bzw. der ethnischen und kulturellen Identität kreisen.

  Der Multikulturalismus ist in den USA in Rahmen der Rassen- und Minderheitendiskussionen entwickelt worden und danach soll auch die Bundesrepublik zu einem Mosaik gleichwertiger und damit gleichberechtigter Kulturen werden. Allerdings ist damit die nationale Identität in Deutschland auch für die Deutschen wieder salonfähig geworden. Die Erfolge, die Immigranten damit im gesellschaftlichen Diskurs erzielen, dürfte den Appetit auf derartiges ideologisches Rüstzeug noch angefacht haben.

  Zur Renaissance des Begriffs der nationalen Identität trägt sich auch die Tatsache bei, da? er eben in Deutschland  nur einen Reimport darstellt. Die Multikulturalisten arbeiten mit einer Begriffeswelt die von Dichtern wie Achim von Arnim und Clemens von Brentano, von Philosophen wie Hegel und Fichte, von Germanisten wie den Gebrüdern Grimm entwickelt worden, um die deutschen Stämme, denen der Staat als gemeinsamer Kristallisationspunkt fehlte, gegen die Invasion Napoleons zu mobilisieren.

  Nation und Volk wurden als eigentlicher Souverän erkannt, machten in der Folge dem Feudalismus und Absolutismus endgltig den Garaus und waren damit progressiv, demokratisch und 'links'.

  Im Rahmen der  Diskussion um den Multikulturalismus erhält nun die nationale Identität nach langer Verteufelung in einer eigenartigen Neuauflage wieder eine befreiende Qualität. Der Multikulturalismus gehört neben dem Feminismus, der Umweltschutzbewegung, Kolonialismustheorie, Tierschutz und anderen zu den ideologischen Bewegungen, die nach dem Scheitern des Weltkommunismus um dessen Nachfolge als Befreier' der geknechteten Menschheit konkurrieren.

  Der Begriff der ethnischen Identität wurde entabuisiert, diesmal nicht um die Völker von ausländischen Eroberern oder einheimischen Despoten zu befreien, sondern um die ausländischen Minderheiten in ihren Ansprüchen gegenüber der Mehrheit zu legitimieren. In ihm verschmelzen Sprachgemeinschaft, Lebensgewohnheiten, Sitten, Mythen und Religion, zu deren Verteidigung auch in der neuen Heimat nicht nur ein selbstverständliches Recht, sondern geradezu eine moralische Pflicht besteht.

  Übersehen wurde dabei, da? nun auch im Namen dieser Mehrheit wieder Konstruktionsversuche in Richtung auf eine kulturelle und nationale Identität unternommen werden konnten, die auch eine deutlichere Formulierung der Interessen dieser Gruppe möglich machten.

  Nationalismus bzw. nationale Identität als Themen des intellektuellen Diskurses war in beiden deutschen Staaten bis in die Mitte der 80er Jahre nur insofern interessant als damit Beiträge zur Analyse des Faschismus geleistet werden konnten. Die bis in die letzten Jahre dominante These vom welthistorisch einzigartigen Charakter der deutschen Judenvernichtung lie? au?erdem für eine wie auch immer geartete deutsche Identität nichts gutes vermuten.

  Symptomatisch für die gegenwrätigen Auseinandersetzungen ist ein Vergleich der Friedenspreise des deutschen Buchhandels der Jahre 1997 und 1998. 1997 erhielt der türkische Schriftsteller Yasar Kemal den Preis und Günter Grass hielt eine viel umstrittene Laudatio, in der er wenig gutes über seine Heimat zu berichten hatte. Schon im ersten Satz hob er seine eigene multikulturelle Herkunft hervor, die er mit Zugehörigkeit des Preisträgers zu kurdischen Minderheit in der Türkei verglich und mit der er offensichtlich seine eigene Distanz zu Deutschland betonen wollte.

 

"Auf diese Weise, also nicht direkt, eher um drei Ecken, sind wir, lieber Yasar Kemal, miteinander verwandt. Nicht nur, weil Sie als Kurde leidgeprüft der Trkei angehören, wie ich, mütterlicherseits Kaschube, dennoch mit beschwertem Gedächtnis Deutschland verschrieben bin ...."10)

 

  Über Deutschland, das über Jahre immerhin mehr ausländische Flüchtlinge aufgenommen hatte als die traditionellen Einwanderungsländer USA, Kanada und Australien zusammen und sie darüber hinaus weitaus besser alimentierte, teilte er mit:

 

  "Spricht nicht der in Deutschland latente Fremdenha?, bürokratisch verklausuliert, aus der Abschiebepraxis des gegenwärtigen Innenministers, dessen Härte bei rechtsradikalen Schlägerkolonnen ihr Echo findet? Über viertausend Flüchtlinge, aus der Türkei, Algerien, Nigeria, denen nichts Kriminelles nachgewiesen werden kann, sitzen in Abschiebelagern hinter Schlo? und Riegel, Schüblinge werden sie auf neudeutsch genannt. - Es ist wohl so, da? wir alle untätige Zeugen einer abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei sind"11)

 

  Hier war der sonst immer kritisch und warnend gegen die Schattenseiten der deutschen Seele erhobene Zeigefinger des moralisierenden Intellektuellen schon fast der drohenden Faust gewichen.

Die Rede des Preisträgers des nächsten Jahres rief diesmal Wutausbrüche der anderen Seite hervor. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde 1998 an Martin Walser verliehen für seine erzählerische und essayistische Kunst, 'die ... den Deutschen das eigene Land und der Welt Deutschland erklärt und wieder nahegebracht(hat)'. Martin Walser hatte schon früher Stellung gegen die selbsternannten Gewissenswächter der Nation bezogen und sich damit schwere Vorwürfe eingehandelt. Auch bei dieser Gelegenheit steckte er nicht zurück. Die Aktualität dieser Rede vom 11. Oktober 1998 rechtfertigt einige längere Zitate:

 

  "Es gibt die Formel, da? eine bestimmte Art Geistestätigkeit die damit Beschäftigten zu Hütern oder Treuhändern des Gewissens mache; diese Formel finde ich leer, pompös, komisch. Gewissen ist nicht delegierbar. Ich werde andauernd Zeuge des moralisch-politischen Auftritts dieses oder jenes schätzenswerten Intellektuellen und habe selber schon, von unangenehmen Aktualitäten provoziert, derartige Auftritte nicht vermeiden können ... Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Könnte es sein, da? die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, da? sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern? Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und Opfern."12)

 

  Schon durch diese Hinterfragung der Meinungsführerschaft der professionellen Gutmenschen war Walser in alle Fettnäpfchen getreten. Er wagte sich aber auch noch an das grö?te aller Tabus, an Auschwitz:

 

  "Wenn ich merke, da? sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, da? öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. Jemand findet die Art, wie wir die Folgen der deutschen Teilung überwinden wollen, nicht gut und sagt, so ermöglichten wir ein neues Auschwitz. Schon die Teilung selbst, solange sie dauerte, wurde von ma?geblichen Intellektuellen gerechtfertigt mit dem Hinweis auf Auschwitz.

  Auschwitz eignet sich nicht, dafür Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?

  Wenn ein Denker das ganze Ausma? der moralisch-politischen Verwahrlosung der Regierung, des Staatsapparates und der Führung der Parteien kritisiert, dann ist der Eindruck nicht zu vermeiden, sein Gewissen sei reiner als das der moralisch-politisch Verwahrlosten ... Das möchte man den Meinungssoldaten entgegenhalten, wenn sie, mit vorgehaltener Moralpistole, den Schriftsteller in den Meinungsdienst nötigen".13)

 

  Der Vorwurf der Instrumentalisierung von Auschwitz gegen die Politisch Korrekten brachte die Wut zum Überschäumen und trug ihm seinerseits die schlimmste Rüge der geistigen Brandstiftung ein. Sein Begriff der 'Normalisierung' schien daneben genau in die Kerbe der Neuen Rechten zu hauen, die eine positive Neubesetzung deutscher Identität und eine Entspannung im Umgang mit sich selbst fordern.

  Auch in Kreisen der Sozialisten und Kommunisten ist das Thema nicht mehr sakrosankt.

  Selbst das ehemalige Mitglied der linksextremistischen Terrororganisation RAF Horst Mahler hat in einem aufsehenerregenden Interview mit der Zeitschrift JUNGE FREIHEIT nationale Töne von sich gegeben:

 

"Politik setzt Streit, den Austausch der Argumente, das Überzeugen voraus. Mittlerweile wird die Meinung des anderen aber nicht mehr zugelassen. Wir müssen aber darüber streiten, was Politik heute in diesem Land mit diesem Volk bedeutet. Hat dieses deutsche Volk, zu dem ich mich zähle, ein Recht, sich selbstbewu?t in die internationale Gemeinschaft einzubringen und eine interessenorientierte Politik zu machen? Oder soll es in vorauseilendem Gehorsam Erwartungen bedienen, die andere aus ihrer Interessenlage an Deutschland herantragen? Wenn wir das Schlagwort Globalisierung nehmen, wenn ein wildgewordener Turbo-Kapitalismus die Grundlagen dessen, was für uns Jahrzehnte lang ma?gebend war, nämlich die Orientierung der Marktwirtschaft am Sozialen, zerstört, dann müssen wir uns der Frage nach dem Gemeinwesen, der Nation, stellen. Es dürfen keine Positionen von vornherein diskriminiert werden. Man sollte sich gegenseitig für so demokratisch gefestigt halten, um das Vertrauen zum Gespräch zu finden."14)

 

  "Das gewaltsam verdrängte Nationalbewu?tsein wird wie jedes gewaltsam unterdrückte seelische Streben krank und gefährlich. An den Rändern der Gesellschaft platzt es jetzt in der hä?lichen Gestalt eines juvenilen Gewalt- und Führerkults hervor, der uns erschaudern lä?t. Die politische Mitte scheint noch weit davon entfernt zu sein, darin das Positive zu erkennen: die Lebendigkeit und Kraft des Anspruchs der Deutschen, als Volk und Nation  und dann auch als Friedensmacht  geachtet zu werden."15)

 

 

V. Zusammenfassung

 

 

  Deutsche Identität wurde seit Mitte des 18. Jahrhunderts vom Bildungsbürgertum im Rahmen der Einigungsbewegung und in Auseinandersetzung mit französischen Auto- und Heterostereotypen entwickelt. Ihre Konstruktion ist eingebunden in den Kampf gegen Feudalismus und Absolutismus und in den Freiheitskampf gegen Napoleon.

  In der Nachkriegsgeschichte schien nationale Identität überwunden bzw. durch einen universalistischen Verfassungspatriotismus ersetzt.

  In Westdeutschland schien allenfalls eine Selbstverortung in der Tradition des Antifaschismus zulässig. In der DDR traten dazu noch Vorstellungen einer sozialistischen oder proletarischen Identität.

  In der neuen Bundesrepublik werden durch politische Korrektheit die Relativierung deutscher Schuld, der Wiederanschlu? an die Geschichte und damit der Versuch einer Normalisierung deutscher Identität massiven Sprechverboten unterzogen.

  'Legitim' und befreiend gegenüber Anpassungserwartungen an Immigranten ist dagegen die Diskussionen über ethnische Identität im Rahmen des Multikulturalismus. Anschlie?end daran und in Widerstand gegen die geistige Bevormundung und Verarmung durch die politische Korrektheit entstehen in verschiedenen politischen Lagern Versuche, auch deutsche Identität vom ihrem singulären Bezug auf den Holocaust zu befreien und wieder vielfltiger und damit auch positiver zu besetzen.

 

 

Literaturliste

 

BÜCHER

Baring, Arnulf: Scheitert Deutschland?, Stuttgart, 1997

Giesen, Bernhard (Hrsg.): Nationale und kulturelle Identität, 1991, Frankfurt am Main

Grass, Günter: Deutscher Lastenausgleich, Frankfurt am Main, 1990

           Habermas, Jürgen: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt am Main, 1976

Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke, Stuttgart, 1957

Kramer, Sven: Das Politische im literarischen Diskurs, Opladen, 1996

Lenk, Kurt u.a.: Vordenker der Neuen Rechten, Frankfurt am Main, 1997

Schacht, Ulrich: Gewissen ist Macht, Mnchen, 1992

Strau, Botho: Fragmente der Undeutlichkeit, München, 1989

Terkessidis, Mark: Kulturkampf: Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte, Köln, 1995

Williams, Arthur et al.: German Literature at a Time of Change, Bern, 1991

 

ZEITSCHRIFTEN, ZEITUNGEN

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Jahrgang 1990

Junge Freiheit, Jahrgang 1998

 

INTERNET

          Laudatio von Günter Grass zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yasar Kemal; http://www.uni-kassel.de/ssv/asta/inter/kurd/laudatio2.htm

          Text der Preisrede von Martin Walser auf der Homepage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels; http://www.boersenverein.de/fpreis.htm