Die Existenz von Externalitäten: Eine hinreichende Erklärung

für die Entstehung von Normen ?

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Yeong-Soo Park*

 

 

Ⅰ. Einleitung

 

 Die Entstehung und Funktionsweise von Normen sind für Ökonomen deshalb interessant, weil Märkte mit einer großen Anzahl von Verhaltensweisen durchsetzt sind, die auf Standards basieren und nicht von einem einzelnen Individuum allein beeinflußt werden können.

Eine Normentheorie sollte drei Dinge erklären können:

  (1) Wie entstehen Normen ?

  (2) Wie setzen sich Normen durch ?

  (3) Wie wird eine Norm durch eine andere ersetzt ? (Axelrod, 1986, S. 1096.)

  Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Besonderen mit dem Verhältnis zwischen Normen, externen Effekten und sozialen Strukturen. Gezeigt werden soll, daß die bloße Existenz von Externalitäten nur eine notwendige Bedingung für die Entstehung von Normen ist. Es werden Mechanismen und soziale Strukturen behandelt, die für die Entstehung und Stabilisierung von Normen in einer Gesellschaft unersätzlich sind.

 

 

Ⅱ. Definitionen

  

In der Literatur gibt es weder für die "externen Effekte" und noch weniger für den Begriff "Normen" einheitliche Definitionen. Der Streit ist elementar, da schon mit den verwendeten Definitionen der spätere Wissenschaftsansatz festgelegt wird.

 

1. Normen

 

  Die verbreitesten Definitionen von Normen basieren auf Erwartungen, Werte und Verhalten. Soziologen legen ihren wissenschaftliche Schwerpunkt auf die Empirik. Die von ihnen benutzten Daten stammen zum größten Teil aus Interviews. Entsprechend basieren ihre Definitionen von Normen und Werte.1)

  Die Untersuchungen von Robert Axelrod(1986) drehen sich um Verhalten. Deshalb wählt er eine Definition von Normen, die verhaltensorientiert ist:

  Normen existieren in einem gegebenen sozialen Umfeld, in dem Individuen in bestimmten Situationen auf bestimmte Art und Weise gewöhnlich reagieren und bestraft werden, wenn sie sich nicht so verhalten. Determinanten dieser Definition sind der Verbreitungsgrad und die Sanktionshäufigkeit der Norm.

Eine andere Abgrenzung benutzt Coleman:(Coleman, 1990, S. 250f.)

  Für Coleman ist die Norm eine Gruppe von Sanktionen, die sich auf ein Verhalten beziehen, während eine Sanktion eine bestimmte Handlung ist, die, wenn sie erfolgreich ist zur Fokalhandlung(Zielhandlung) führt. Eine Norm steht gegen das Interesse des Handenden. Sie ist für ihn eine Vorschrift, oder eine Ächtung. Sie soll erreichen, daß er sich auf eine gewollte Art und Weise verhält. Diese gewollte Behandlungsweise nennt Coleman die Fokalhandlung.

 

2. Externe Effekte

 

  Wenn Personen oder Institutionen2) handeln, dann erzeugen diese Handlungen nicht nur Wirkungen, die die Personen oder Institutionen selbst betreffen. Meist wirken Handlungen auch auf andere Personen  oder Institutionen. Die Effekte können sich sowohl negativ, als auch positiv auf die Betroffenen auswirken.

 

 

Ⅲ. Zur Entstehung von Normen

 

1. Externe Effekte und die Entstehung von Normen

 

  Externalitäten sind positiv oder negativ bewertete Konsequenzen sozialer Interdependenzen (Opp, 1983, S. 69f.). Treten sie auf, kommt es zu einer Asymmetrie der Interessen zwischen Verursacher und Betroffener. Externen Effekten kann auf zwei Weisen begegnet werden: durch Internalisierung oder durch Eliminierung.

  Internalisierung negativer Effekte: wenn die negativen Effekte in geringerem Maße vom Betroffenen und im stärkeren Maße vom Verursacher getragen werden.

  Internalisierung positiver Effekte: wenn die positiven Effekte in geringerem Maße dem Betroffenen und im höheren Maße dem Verursacher zugute kommen.

  Eliminierung externer Effekte: Verhinderung der Entstehung externer Effekte.3)

 

Die Existenz von Externalitäten: Eine hinreichende Erklärung für die Entstehung von Normen?

 In den Figuren 1 und 2 werden die alternativen Konsequenzen beschrieben, die bei neg./pos. Externalitäten auftreten können. In beiden Fällen kann man erkennen, daß es Handlungsalternativen gibt, die nicht zu einer Internalisierung oder Eliminierung der externen Effekte führen:

 

 

G: Geschädigter, V: Verursacher

 

Figur 1.4)

 

B: Betroffener, V: Verursacher

 

Figur 2.5)

 

  (1) Bei negativen (oder positiven) Externalitäten ist es denkbar, daß der Betroffene (Verursacher) überhaupt keinen Versuch macht, den Verursacher(Betroffenen) zur Rechenschaft zu ziehen.6)

  (2) Eine Verhandlung kann ohne Übereinkunft enden.

  Halten wir fest: man kann das Auftreten von Externalitäten beobachten, ohne daß sie einen Internalisierungs-, oder Eliminierungsprozeß auslösen. Die Frage ist also: Unter welchen Bedingungen werden externe Effekte durch Normen internalisiert oder (mehr oder weniger) eliminiert ?

  Eine Internalisierung und eine Eliminierung von externen Effekten hat Nutzen und Kosten zur Folge. Der Nutzen entsteht beim Betroffenen7) oder beim Verursacher8), indem er nicht mehr den Einflüssen der Externalitäten ausgesetzt wird. Die Kosten der Internalisierung sind vorwiegend Transaktionskosten. Sie entstehen bei der Setzung und bei der Durchsetzung der Norm.

  In Anlehnung an die ökonomische Nutzentheorie kann man eine Internalisierungsthese wie folgt formulieren:

  Wenn externe Effekte bestehen oder erwartet werden und wenn der erwartete Nutzen der internalisierung oder der (mehr oder weniger großen) Eliminierung dieser Effekte durch die Setzung bestimmter Normen größer ist als die mit der Internalisierung oder Eliminierung verbundenen (erwarteten) Kosten, dann, und nur dann, entstehen die betreffenden Normen.9)

 

2. Stabilisierung von Normen

 

  1) Ergebnis der Axelrod´schen  Simulation

  Axelrod benutzt bei seinem Versuchsaufbau das Konzept der evolutionär stabilen Strategie und verbindet es einmal mit dem Konzept der Lebensfähigkeit und dem Konzept der Stärke:

  Evolutionär stabile Strategie: eine Strategie die, wenn sie in der Bevölkerung benutzt wird, nicht durch eine andere mutierte Strategie unterwandert werden kann.

  Konzept der Lebensfähigkeit: Fähigkeit einer Strategie, sich in einer Population festzusetzen (einzuschleichen), die ansonsten eine andere Strategie benutzt.

  Konzept der Stärke: Fähigkeit einer Strategie, sich in Konkurrenz mit einer von einem anderen Populationsteil benutzten Strategie durchzusetzen.

  Axelrod fragt, wie sich kooperatives Verhalten in seiner (speziellen) Spielstruktur entwickeln kann. Die Spielstruktur ist ein sich wiederholendes Gefangenen-Dilemma, das zum einen mit kooperativen Verhaltensmustern, aber auch mit ausbeuterischen Verhalten(, das stärker belohnt wird,) ausgestattet ist.

  Die Analyse der Daten aller fünf Durchläufe ergab folgendes Bild:

  (1) Die Wahrscheinlichkeiten für Mut und Rachsucht lagen am Anfang aller Durchgänge bei ca. 0.5.

  (2) Als erste Reaktion fiel dramatisch der Mut. Wenn eine relativ große Rachsucht existiert, ist es teuer, mutig zu sein.

  (3) Wenn in Folge kaum noch die Norm gebrochen wird, fällt die Rachsucht. Die Bestrafung ist teuer; wenn nur noch wenig die Norm verletzt wird, ist es relativ gesehen zu aufwendig, jeden kleinen Verstoß zu ächten.

  (4) Wenn die Rachsucht gegen Null tendiert, ist es wieder vorteilhaft, mutig zu sein und die Norm zu brechen; man riskiert keine Strafe.

  Ergebnis: der Mut nimmt drastisch zu, die in der ersten Phase der Simulation etablierte Norm wird gekippt. Der Zustand der "Normlosigkeit" ist stabil.

  Und trotzdem entstanden und etablierten sich im Laufe der Menschheitsgeschichte Normen. Es muß also Mechanismen geben, die einen solchen Prozeß der Entstehung und Durchsetzung einer Norm unterstützen.

 

  2) Metanormen

  Von Metanormen spricht man, wenn sich die Ächtung der Gesellschaftsmitglieder nicht nur gegen den Normbrecher richtet, sondern auch gegen diejenigen Beobachter, die nicht ächten.10)

  Baut man solche Metanormen in das Normenspiel von Axelrod ein11), so ist das Ergebnis diesmal völlig unzweideutig: die Rachsucht steigt schnell an und der Mut zur Normverletzung nimmt sehr stark ab. Die Norm wird durch die Metanorm fest etabliert, das System bleibt stabil. Einzige Voraussetzung ist, daß zu Beginn des Spiels genügend Rachsucht schon vorhanden sein muß. Der Trick bei dieser Selbststeuerung des Systems ist die Verbindung der beiden Racheformen.

  Existieren Metanormen? Wenn wir versuchen, den uns bekannten Normen eine Art subjektive Rangordnung zu geben, fällt uns auf, daß es uns am meisten stört, wenn gegen eine Norm verstoßen wird, bei der uns schon die Toleranz für eine Normbrechung stört.12)

 

  3) Dominanz

  Gemeint ist hier die Bereitschaft der einen über die andere Gruppe in einem Gesellschaftssystem. Dieser Mechanismus teilt sich in mehrere Ausprägungen auf. Einmal muß es in der Gesellschaft eine bestimmte Aufteilung in Gruppe geben.13)

  Innerhalb der Gruppen muß es den oben beschriebenen Effekt durch Metanormen geben, d.h. in der Gruppe wird darüber gewacht, daß jeder die Bestrafung von Normverletzungen gegen die einige Gruppe mitträgt. Als letztes muß es ein Ungleichgewicht an Durchsetzungsvermögen der unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft geben. Wodurch dieses Ungleichgewicht entsteht, ist irrelevant.

  (1) Gruppengröße: die große Gruppe nutzt die kleine Gruppe aus.

  (2)  Organisationsstruktur: die gut organisierte Gruppe beutet die schlecht organisierte große Gruppe aus.14)

  (3) Unterschiede in der Bewaffnung.

  Dies sind Voraussetzungen, unter denen Normen gegen die schwächere Gruppe entstehen und sich fest etablieren können. Das Prinzip ist Ausbeutung eines Schwächeren.

 

  4) Internalisierung

  Die Internalisierung von Normen kann nicht nur als Anwendung der Nutzentheorie gedeutet werden, wie es Opp tut, sie kann auch Teil eines psychologischen Prozesses sein. Eine etablierte Norm, die man seit langer Zeit schon vor Augen hat (durch das Verhalten der anderen), kann nur unter einem unangenehmen Gefühl verletzt werden. Dahinter steckt ein Lernprozeß, an dessen Ende wir die Norm verinnerlicht haben. Ist dies geschehen, wird uns eine Normverletzung eine nur geringe, oder sogar keine positive Auszahlung mehr bringen. Die Norm bleibt stabil, unter der Voraussetzung, daß die Gesellschaft genügend bereit ist Normverletzungen zu sanktionieren.

 

5) Abschreckung

  Im Normen-Spiel von Axelrod plant der Mensch nicht im voraus. Ergebnisse des Spiels werden nur nachträglich miteinander verglichen. Dies ist realitätsfremd. In das Kalkül des Menschen geht die mögliche Reaktion des Interaktionspartners sehr wohl ein. Dies ist ein entscheidender Schritt zur Etablierung einer Norm in der Gesellschaft.

  Aus der Sicht des Geschädigten: seine Überlegungen könnten sein, daß eine Bestrafung des Schädigers ihn heute zwar teuer kommen kann, daß auf lange Sicht eine Abschreckung ihm jedoch nützlich sein könnte.

  Aus der Sicht des Schädigers: wenn er weiß, daß im Fall der Entdeckung er mit Sanktionen rechnen muß, wird er u.U. auf die Übertretung der Norm verzichten.

 

6) Gruppenzugehörigkeit

  Normen werden auch durch die Mitgliedschaft in einer Gruppe stabilisiert. Metanormen bilden sich schneller in festen Gruppen als in losen Gemeinschaften, weil der Druck, der auf ein Gruppenmitglied ausgeübt werden kann, viel stärker ist.

Wirkungen einer Gruppenmitgliedschaft:

  (1) direkter Einfluß auf die individuelle Nutzenfunktion: ein Verstoß gegen eine von der Gruppe akzeptierten Norm mindert die Auszahlung eines jeden Gruppenmitgliedes.

  (2) erfolgt die Zusammenstellung der Gruppe von den Mitgliedern autonom, so ist es hoch wahrscheinlich, daß sich Individuen mit ähnlichen Interessen zusammen tun. Dies erleichtert die Akzeptanz und die Entstehung von Normen, wegen der gemeinsamen Interessen.

  (3) das Gruppenverständnis erleichtert die Definition von dem, was von dem Mitglied erwartet wird.15) Es wird klarer, welche Handlungen  erwünscht und welche    unerwünscht sind.16)

 

  7) Formale Gesetze

  Informelle Normen sind oft Vorstufen zu formellen Gesetzen. Dabei wird der private Dursetzungsmechanismus der informellen Norm durch eine staatliche Instanz ersetzt. Dies senkt die privaten Sanktionskosten. Auf diese Weise kann das Problem der Kollektivgüter gelöst werden: der Anreizmechanismus, der bei dieser Art von Gütern ganz oder teilweise fehlt, wird speziellen Einrichtungen(Polizei, Inspektoren) übertragen.

  Zu beachten ist, daß formelle Gesetze nur neben und nicht anstelle einer Norm existieren können. Das wird beim Beispiel der Prohibition in Amerika deutlich: trotz härtester staatlicher Sanktionen konnte das Alkokolverbot in den USA der 30er Jahre nie durchgesetzt werden, weil in der Gesellschaft keine allgemein akzeptierte Norm existierte, die den Alkoholgenuß verbot. Diese fehlende Akzeptanz kann man an den Reisegewohnheiten der Amerikaner zu dieser Zeit ablesen. Sie bevorzugten für Schiffsreisen ausländische Reedereien, da diese außerhalb amerikanischer Hoheitsgewässer Alkohol ausschenken durften. Amerikanischen Schiffen war dies auch in internationalen Gewässern verboten.

  Man faßt zusammen: die Entstehung einer Norm bedarf mehr als eines bloßen Schöpfungsaktes einer Instanz. Eine Norm muß in der Gesellschaft akzeptiert werden, sonst geht sie unter.

 

  8) Reputation

  Bestimmte Handlungen werden von der Gesellschaft als Signale interpretiert. Um der Gesellschaft eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, kann man sich dieser Handlungen (Signale) bedienen.

  Wenn ein Individuum Normen einhält, so möchte es seiner Umwelt etwas über seinen Charakter signalisieren. Ein Verstoß gegen eine Norm verursacht nicht nur eine negative Anzahlung beim Akteur , die Gesellschaft interpretiert den Verstoß zusätzlich als ein Signal über das zukünftige Verhalten des Agressors.

  Diese Interpretation des Verhaltens erklärt, wie aus einem "ist" ein "sollte" wird und damit eine neue Norm entsteht.

 

  9) Ergebnisse

  Wie kommt es, daß im Laufe der Zeit ein Verhalten, das anfangs nur wenig verbreitet ist, sich durchsetzt und zu einer Norm werden kann ?

  Das hängt von Eigenschaften des Verhaltens ab. Damit das Verhalten in seinen Anfängen nicht schon untergeht, muß es um seiner selbst wegen belohnt oder bestraft werden. Für die effektive Verbreitung der Norm sorgen dann die Mechanismen, die wir oben kennengelernt haben.

  An dieser Stelle sollen zwei Mechanismen noch einmal besonders hervorgehoben werden: Dominanz und Reputation.

  Dominanz: Eine Norm entsteht, wenn einige wenige mächtige Personen ein Interesse daran haben. Dieser Personenkreis muß so mächtig sein, daß allein ihre Sanktionen gegen die Normverletzer ausreichen, die Norm durchzusetzen. In einem solchen Fall ist die Norm stabil, auch wenn die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder die Sanktionen nicht mitträgt. Ist die Norm etabliert, stützen die Starken die Norm  und die Norm die Starken.

  Reputation:17) Nehmen wir z.B. "…sein Versprechen halten…". In einer Gesellschaft, in der nur wenige ihre Versprechen halten, liegt es im Interesse eines jeden, nur mit solchen zu interagieren, die ihre Versprechen halten. Das Einhalten eines Versprechens setzt nach außen ein Signal. Mit diesem Verhalten will man sagen, daß man sich an Vereinbarungen im Allgemeinen hält. Die Belohnung ist, daß andere bevorzugt mit einem interagieren möchten.

  Diese Belohnung ist der Anreiz die entsprechende Norm zu halten. Ist das Anreizsystem stark genug, so wird die Norm etabliert, die Gesellschaft ändert ihr Verhalten dahin, daß nunmehr die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder Versprechen einhält.

  Wichtig: Voraussetzung, daß so  etwas funktioniert, ist ein System, bei dem die Mitglieder der Gesellschaft lernen können. Man muß den Erfolg der anderen beobachten können, und man muß den Erfolg mit einem bestimmten Verhaltensmuster kausal verbinden können.18)

 

Das evolutorische Prinzip:

  (1) Es kan sein, daß die effektiveren Individuen besser überleben und sich fortplanzen können.

  (2) Das Lernprinzip ist "Versuch und Irrtum": effektive Strategien werden behalten, ineffektive werden geändert.

  (3) Individuen beobachten sich gegenseitig. Individuen, die schlechte Ergebnisse erzielten, imitieren Verhaltensweisen anderer, die offensichtlich erfolgreicher waren.

  Daraus läßt sich ein evolutorischer Ansatz der Normentwicklung herleiten:

  In der Zukunft werden offensichtlich erfolgreiche Strategien (Norm) von den Mitgliedern einer Gesellschaft adaptiert, während offensichtlich weniger erfolgreiche Strategien verworfen werden.

 

3. Soziale Strukturen - Die Untersuchungen von J.S.Coleman

 

  1) Vorbemerkungen

  Es gibt zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, wenn eine Norm entstehen soll:

  (1) Die Norm muß von den potentiell Begünstigten gefordert werden. Diese Forderung wird dann entstehen, wenn die Handlungen eines Akteurs externe Effekte auslöst. Sind es positive externe Effekte, so wird eine Vorschrift gefordert, um die Zielhandlung zu ermutigen, oder zu veranlassen, Sins es negative Externalitäten, so wird eine Ächtung gefordert, die die Zielhandlung unterdrücken soll.

  (2) Eine Norm ist nur dann sinnvoll, wenn es für sie einen effektiven Sanktionsmechanismus gibt, der Kosten und Erlöse der Sanktion berücksichtigt.19)

  Eine Hauptannahme Coleman′s besagt, daß ein Normenverstoß nicht in der laufenden, sondern in der darauffolgenden Interaktion sanktioniert werden kann. Dies führt zu der These: Normen können nur unter bestimmten sozialen Strukturen entstehen.

  Ein kleines Beispiel zur Illustration : wenn ein Akteur sicher davon ausgehen kann, daß er seinem Gegenüber in seinem ganzen Leben nie wieder begegnen wird, und daß dieser in der gerade laufenden Interaktion ihn nicht sanktionieren kann, warum sollte er dann ihn nicht "über´s Ohr hauen" ? Bestraft werden kann er nur, wenn er den anderen in einer zukünftigen Interaktion wieder trifft.

  Und genau dieses Wiedertreffen wird durch die soziale Struktur einer Gesellschaft hauptsächlich determiniert. Coleman untersucht auf dieser Basis das Verhältnis von unterschiedlichen sozialen Strukturen zur Entstehung von Normen: Grundidee seines Versuches ist ein spieltheoretischer Aufbau, in dem er eine strategisch handelnde Population in Interaktionen verwickelt.  

 

  2) Das wiederholende Gefangenen-Dilemma

  Der Aufbau des gewöhnlichen Gefangenen-Dilemma determiniert das Verhalten der Beteiligten. Es gibt nur einen einmaligen Durchlauf, die Spieler kennen sich nicht gegenseitig, was dazu führt, daß eine Strategie dominant ist(der "Verrat"). Die höchste Auszahlung für beide wäre aber die gegenseitige Kooperation. Es kommt folglich zu einer suboptimalen, aber stabilen Lösung.

  Läßt man mehrere Durchgänge zu, bei denen dieselben Inerakteure "sich wieder treffen können", und führt zusätzlich die Option des "sich erinnern könnens" ein, so scheint es rational zu sein, daß die Spieler ihr Verhalten aufeinander abstimmen. Ergebnis: Der Verrat ist nicht mehr zwingend die dominante Strategie.

  Fassen wir hier kurz zusammen: Die Entstehung von Normen hängt nicht allein von der Existenz externer Effekte ab. Es müssen zwingend zwei Bedingungen in der sozialen Struktur  der Gesellschaft erfüllt sein.

  Zum einen muß die Wahrscheinlichkeit gegeben sein. daß Interakteure sich später wiedertreffen (der Verräter darf nicht in die Anonymität abtauchen können). Dabei ist für eine eventuelle spätere Sanktionshandlung wichtig, daß die Zeit zwischen den beiden Interaktionen nicht zu lang sein darf. Ansonsten könnte sich der Verrat wegen eventueller Zinsvorteile wieder rentieren.

  Zum anderen müssen die Akteure einen Mechanismus besitzen, der es ihnen ermöglicht einen früheren Interaktionspartner wieder zu erkennen(Coleman, 1990, S. 254ff.)

Das Gefangenen-Dilemma birgt einige Probleme:

  (1) Es ist ein zwei-Personen-Spiel. Externe Effekte wirken aber oft darüber hinaus auf Dritte. Auch kann auf diese Weise das "Trittbrettfahrer-Problem"20) nicht berücksichtigt werden.

  (2) Die Akteure handeln simultan. Sie kennen die bisherigen Handlungen ihres Gegenübers, nicht jedoch die gegenwärtigen. Das führt zu einem Mangel in der notwendigen Koordination.

  (3) Im Gefangenen-Dilemma kann dieselbe Handlung einmal Sanktion und einmal Verrat sein.21)

 

  3) Die Struktur der Strategien im wiederholten Gefangenen-Dilemma

  Allgemiene Annahmen:

  (1) Erinnerung ist auf die letzten zwei Interaktionen beschränkt.

  (2) Das Gesamtsystem hat unterschiedliche Geschlossenheitsgrade, die in Gruppengrößen von 3,4,6,8,10 Personen pro Gruppe ausgedrückt werden.

  (3) Das System befindet sich im Gleichgewicht, wenn die Anzahl der Interaktionen die Grenze des Erinnerungsvermögens erreicht hat, so daß die Wahrscheinlichkeit auf einen Interaktionspartner zu treffen, den man als einen Fremden betrachtet sich stabilisiert.22)

 

  4) Simulation 1

  Rein theoretisch gibt es in Coleman´s Modell drei unterschiedliche Strategien.23)  Was passiert, wenn wir die Länge des Gedächtnisses und die Gruppengrößen variieren bei festlegung auf die folgende Strategie: "Fremde werden immer verraten ?"

Ergebnis: Ein langes Gedächtnis kompensiert eine geringe Geschlossenheit der sozialen Struktur. Es besteht eine Art "Tauschrate"  zwischen beiden Phänomenen.

  Einfacher gesagt: Je länger das Gedächtnis bzw. je kleiner die Gruppengröße, um so wahrscheinlicher ist ein Wiedertreffen, bei dem eine Sanktion gegen einen Verräter verhängt werden kann. Um so wahrscheinlicher ist damit auch die Entstehung und Durchsetzung sozialer Normen.

 

  5) Simualtion 2

  Feste Strategie ist hier: "Fremde werden nicht immer ausgebeutet"

  Annahmenerweiterung: Fremde werden nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0.5 verraten.

  Ergebnis: Wie zu erwarten war, tendiert das Gleichgewicht auch zur Kooperation hin(im Gegensatz zur 1. Simulation).

 

  6) Simulation 3, Die Evolution von Strategien

  Inwieweit determiniert die soziale Struktur der Interaktionen die zukünftige Entwicklung von Strategien ?

  Annahmenerweiterung:

  (1) Es stehen zwei Strategien zur Auswahl:

     a) "Fremde werden immer ausgebeutet."

     b) "Fremde werden nie ausgebeutet."

  Beide Strategien treten mit der Wahrscheinlichkeit von 0.5 auf. Die Verteilung der Strategien ähnelt der aus der Simulation 2. Die Bevölkerung wird in zwei Gruppen aufgeteilt, die entweder Strategie a oder b benutzt.

  (2) Die Evolution entsteht durch das selektive Beibehalten einer Strategie in Abhängigkeit ihres Erfolges:

  - nach jeder Interaktion hat jede Partei eine bestimmte Wahrscheinlichkeit aus dem Spiel auszuscheiden(Tod). Abhängig ist der Tod vom erreichten Punktestand(der Punktestand wird über die Zeit addiert und durch die Anzahl der Interaktionen dividiert).

  - wird mit einem Gruppenmitglieder oft kooperiert, so ist seine Todeswahrscheinlichkeit gering.

  - wird ein Gruppenmitglied oft von anderen verraten, ist seine Todeswahrscheinlichkeit hoch.

  - stirbt ein Gruppenmitglied, so stirbt mit ihm die von ihm verfolgte Strategie. Ersetzt wird er von einem Individuum, das genau das Gegenteil seiner Strategie verfolgt (Evolutorisches Prinzip).

  (3) Die Evolution hat zwei Ausprägungen:

     a) selektive Beibehaltung von Strategien,

     b) Geburtsraten für Strategien, die ihre ausgeschiedenen Vorgänger ersetzen.

  (4) Das gedächtnis umfaßt die letzten sechs Interaktionen.

  (5) Gruppengrößen von 3,4,6,8,10 Personen pro Gruppe werden untersucht.

  1. Untersuchung: Wie ändert sich das Verhältnis der Gruppe mit der Strategie a) zur Gruppe mit der Strategie, b) wenn die Bevölkerung in unterschiedliche Gruppengrößen eingeteilt wird ?

  Ergebnis: Nach 32 Durchläufen (im Durchschnitt hatte jedes Individuum in jeder Gruppeneinteilung 32 Interaktionen) wurde festgestellt, daß das Verhältnis an kooperationsbereiten Individuen mit Zunahme der Gruppengröße abnimmt.

  Das Ergebnis kann nicht verwundern. Unter der Nebenbedingung eines endlichen Erinnerungsvermögens wird die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Interaktionspartner wieder aufeinandertreffen mit der Gruppengröße abnehmen. Dadurch wird das Spiel wieder zu einem einmaligen Gefangenen-Dilemma, in dem der Verrat die dominante Strategie ist. Anders herum ausgedrückt: je kleiner die gesellschaft, desto wahrscheinlicher ist es, daß kooperative Normen entstehen und auch beständig sind,24) weil man als Verräter nicht in die Anonymität abtauchen kann.

 

4. Entstehung von Normen als ein sozialer Prozeß

 

  Coleman und Axelrod25) definieren Normen mit Begriffen aus der Verhaltenstheorie. Dadurch wird die Arbeit zwar erleichtert, das Anwendungsgebiet für Normen jedoch eingeengt. Werte, Erwartungen, allgemein kognitive Prozesse der beteiligten Individuen werden ausgeschlossen. Mit den Normen soll Verhalten vorhergesagt, bzw. erklärt werden. Setzt man in seinen Grundannahmen Normen mit Verhalten gleich, ist die Aufgabe des Modells nicht mehr möglich. Die Ergebnisse sind im Grunde aussagelose ad-hoc Erklärungen.

  In Coleman′s sequentiellem Gefangenen-Dilemma muß dieselbe Handlung als Sanktion und als Zielhandlung fungieren. Dadurch ist nicht mehr klar, ob ein beobachtetes Verhalten die Funktion einer Sanktion ist, die Sanktion selbst, eine Kombination von beiden, oder einfach das Produkt einer Entscheidungsstrategie darstellt.

  Unter diesen Umständen ist die Lokalisierung einer Norm schwer zu vollziehen. Noch schwerer ist es, die Auswirkungen einer Norm auf die Entscheidung eines Individuums innerhalb eines Entscheidungsmodells einzuschätzen: aber genau das ist das interessante bei der Frage nach Normen.

  Definition von Normen nach Majeski:

Majeski macht einen Unterschied zwischen einer Norm auf der einen Seite, und einer spezifischen, einzigartigen und individuellen Entscheidungsregel auf der anderen Seite. Normen sind Regeln, die den Status eines objektiven Wissens erreicht haben, weil sie sozial akzeptiert wurden.

  Wenn eine Regel zum ersten mal von einem Gruppenmitglied benutzt wird, ist es noch keine Norm. Es ist eine vom individuellen Umfeld erzeugte Entscheidungsregel.

  Sie wird zur Norm, wenn die Anwendung der Regel durch andere Gruppenmitglieder mithilfe der ersten Anwendung der Regel gerechtfertigt wird, oder wenn die Anwendung der Regel als das erwartete, und/oder das passende Verhalten für ein Individuum gerechtfertigt wird. Auch wird eine Regel zur Norm, wenn sie so stark in der Gruppe etabliert ist, daß sie von den Mitgliedern der Gruppe als einzig plausible Handlungsalternative angesehen wird.

  Dauert dieser soziale Entstehungsprozeß lange, so wird die Norm schließlich von Individuen benutzt, die kein historisches Wissen über die ursprünglichen Zusammenhänge mehr haben.

  Voraussetzung für einen sozialen Prozeß ist Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer Gruppe. In Coleman´s spieltheoretischem Ansatz ist davon nichts zu entdecken:

  - Verräter werden nicht gekennzeichnet.

  - Es kommen keine Signale zwischen den Geschädigten eines Verrates vor, die Bestrafung koordinieren könnten.

  - Für die Spieler gibt es keine Möglichkeit, das Verhalten anderer Interakteure zu beobachten, und für sich auszuwerten.

  Daraus folgt: Wenn ein Verräter bei Coleman bestraft wird, so resultiert das aus dem Individualverhalten, ohne daß eine soziale Komponente involviert ist. Die Akteure verwenden keine Normen, sondern etwas, was eher individuellen Entscheidungsregeln ähnelt.

  Axelrod´s und Coleman´s evolutorische Komponente basiert auf dem (weit verbreiteten) "Geburt-Tod-Mechanismus". Das verwundert nicht: es ist der einzige Ansatz, der formalisiert und getestet werden kann, ohne daß man eine Theorie über die menschliche Wahrnehmung entwickeln muß. Auch braucht man sich keine Gedanken über das erstmalige Auftreten neuer Verhaltensmuster zu machen: man führt so etwas einfach auf den Zufall zurück.

  Empirische Untersuchungen haben ergeben, daß die vom Menschen benutzten Mechanismen zur Erkennung, Interpretation und Entscheidung hoch komplex sind. Menschliche Vernunft basiert auf Präzedenzfällen.

  Menschen lösen ihre Entscheidungsprobleme, indem sie vergangene Situationen mit der Gegenwart vergleichen. Die am besten passende Situation der Vergangenheit wird dann als Vorschrifr für die Gegenwart benutzt.

  Das hat auch Auswirkungen auf die Art des Lernens. Indem Individuen sich an Präzedenzfällen orientieren, strukturieren sie die gegenwärtigen Situationen vor. Diese Vorstrukturierung erzeugt eine Neigung, die Situation auf eine ganz bestimmte Weise zu interpretieren.

  Informationsanforderungen und die Anzahl plausibler Alternativen werden reduziert. Das erleichtert die Arbeit des Individuums erheblich, birgt aber die Gefahr, daß eine Situation nicht ausreichend genau untersucht wird und es zu viel zu vorteiligen Entscheidungen beim Akteur kommen kann. Wendet man das jetzt auf die Entstehung von Normen an, könnte man sagen: Präzedenzfälle werden durch individuelle Entscheidungsregeln geschaffen. dabei setzt das Individuum das zu lösende Problem in das von ihm benutzte Entscheidungsmodell ein. Durch soziale Prozesse werden dann diese Präzedenzfälle in der Gesellschaft etabliert. Je etablierter ein Präzedenzfall in einer gruppe ist, um so geringer ist die Suche nach anderen plausiblen Alternativen und um so geringer ist auch der Rechtfertigungsdruck für das eigene Verhalten nach innen und nach außen der Gruppe. So werden aus individuellen Entscheidungsregeln allgemeine Normen.

 

 

Ⅳ. Zusammenfassung

 

  Es wurde versucht zu zeigen, daß das bloße Vorhandensein externer Effekte allein nicht ausreicht, die Entstehung von Normen zu erklären.

  Die Nutzentheorie versucht dieses Problem über eine Internalisierungsthese in den Griff zu bekommen. Sie macht eine Gegenüberstellung zwischen Nutzen und Kosten einer Norm. Ganau an dieser Stelle beginnen die Probleme: es fehlen die notwendigen Informationen, damit ein Individuum (oder hier die Gesellschaft) sein Verhalten optimieren kann. Normen entstehen aus diesem Informationsmangel. Geht man davon aus, daß Niemand ein all umfassendes Wissen hat, und stellt man dieses (realitätsnahe) Individuum vor ein Entscheidungsproblem, so muß es erst einmal beginnen Informationen zu sammeln. Es weiß aber zu keinem Zeitpunkt, wann es mit der Suche nach Informationen aufhören kann oder muß. Normen helfen ihm. Sie geben ihm allgemein akzeptierte Handlungsanweisungen, die in einem sozialen Entwicklungsprozeß entstanden sind und sich bewährt haben. Dadurch senken sie für den Einzelnen und für die Gruppe Transaktions- und Informationskosten. Wie dieser Entwicklungsprozeß beginnt und sich im Zeitablauf fortsetzt ist strittig. Bisher scheint es, daß die soziologischen Ansätze (z.B. von Majeski) das Normenproblem am umfangreichsten erklären können.

 

 

Literaturverzeichnis

  

Axelrod, R., An Evolutionary Approach to Norm, in: American Political Science Review, 80/4, 1986.

  Ders., Die Evolution der Kooperation, München 1987.

  Coleman, J., Norm - Generating Structures, in: Cook, K., Levi, M.(Hg.), The Limits of Rationality, Chicago, 1990.

  Eger, T., Weise, P., Normen als gesellschaftliche Ordner, in: Ökonomie und Gesellschaft, Jahrbuch 8: Individuelles Verhalten und kollektive Phänomene, Frankfurt/Main, 1990.

  Hiller, F.(Hg.), Normen und Werte, Heidelberg, 1982.

  Opp, K.-D., Soziales Handeln. Rollen und soziale Systeme, Stuttgart, 1970.   

  Ders., Die Entstehung sozialer Normen, Tübingen, 1983.

  Varian, H.R., Grundzüge der Mikroökonomik, München, 1989.

  Weise, P. u.a., Neue Mikroökonomie, 2. Aufl. 1991.

 

 

<국문요약>

 

 

Die Existenz von Externalitäten: Eine hinreichende

Erklärung für die Entstehung von Normen ?

 

 

박  영  수

 

 

 최근 經濟學의 흐름은 新古典學派의 主流經濟學이 방법론상의 한계 때문에 그 영향력이 점차 퇴조하는 가운데 그 동안 經濟學에서 별 주목을 받지 못했던 制度問題의 중요성이 새롭게 인식되면서 제도문제를 중요한 연구의 대상으로 하는 정치경제학적 접근이 浮上하고 있는 것 같다. 이와 같은 사실은 최근에 Buchanan이나 North와 같은 新制度學派에 속하는 학자들이 노벨 경제학상을 수상한 데서도 알 수 있다. 우리 나라에서도 이러한 경제학의 흐름에 영향을 받아 최근에 制度問題에 대한 관심이 높아지고 이에 대한 연구도 없지 않으나 아직도 미진한 상태를 벗어나지 못한 것 같다. 이러한 脈絡에서 本稿는 특히 規範, 外部效果 및 社會構造간의 관계를 규명함으로써, 「外部效果의 존재만으로는 制度의 형성을 위한 必要條件으로 충분하지 않다」라는 사실을 밝히고 있다. 여기서는 주로 Opp와 Coleman의 理論을 중심으로 하여 고찰하기로 한다.