Traum und Gesetz - Franz Kafkas Arbeit am Mythos

 

 

Gerhard Neuman*

 

 

  In seinen ,Vorlesungen über die Ästhetik,, die Hegel zwischen 1871 und 1829 mehrfach hielt, hat dieser Besondere als jene Erscheinungsweise des Realen charakterrisiert, die das Einzelne und das Allgemeine miteinander vermittelt, das Besondere mithin als die spezifische Erscheinungsweise von Kunst zu erweisen gesucht.1) Die Kunst ist es denn auch, die im Sinne Hegels - durch den Akt der Repräsentation - im Einzelnen das Allgemeine für einen Augenblick ins Sichtbare und Wahrnehmbare hebt; die es, mit anderen Worten, zur momentanen Evidenz bringt. Die Aufhellung dieses Vorgangs der ästhetischen Realisierung im Besonderen, das die Differenz zwischen Einzelnem und Allgemeinem markiert und dieses in jenem erscheinen läßt. ist eine der wichtigsten Aufgaben der Literraturwissenschaft. Mit Recht stellt daher das Klosterneuburger Symposion diese Frage nach dem `Besonderen' in Kafkas Kunst vor dem Hintergrund von verschiedenen, für den gesellschaftlichen Prozeß bedeutsamen Diskursen in den Mittelpunkt: namentlich den Redeordnungen des Mythos, der Politik und der Kultur. Dem die Kunst - und vielleicht sogar in besonderer Weise die Literatur als Sprachkunst - gewinnt gerade in diesen Feldern ihre entscheidende soziale Rolle. Sie bearbeitet Mythen und formuliert sie neu; sie deutet, verändert oder subvertiert die in den Mythen enthaltenen Aussagen, jene Form- und Bedeutungskerne, die soziales Leben allererst ermöglichen. Mythen - so hat Claude Lévi-Strauss einmal gesagt - sind Organisationsformeln, Organisationsmodelle sozialer Aporien.2) Sie erzählen als `Geschichte', was sich als soziales Dilemma im Beziehungsgeschehen der Menschen nicht dauernd gemeinschaftsrelevant und institutionell auflösen lä„āt. In den so erzählten Mythen kristallisieren also die `Unruhe-Herde' sozialen Verkehrs zu narrativen Mustern. Die Geschichte der Kultur ist denn auch der Prozeß des Umgangs mit diesen Mythen: ein Vorgang von deren Bearbeitung, Umerzählung und Neuformulierung. Hans Blumenberg hat dieses metamorphische Geschehen in einem seiner Bücher die ,Arbeit am Mythos, genannt; und zwar im Sinne eines Prozesses der Umbesetzung überlieferter mythischer Modelle, in denen eine Gesellschaft ihre unerledigten Probleme rekapituliert und weiterträgt.3) Mitgedacht ist dabei die These, daß alle wichtigen Probleme sozialen Zusammenlebens - wie sie in Ursprungsmythen und Beziehungsmythen festgehalten sind - zuletzt aporetischer Natur sind; daß sie alle den Zauber wie das Stigma der Unereldigten tragen. Dies gilt, wie gesant, für ätiologische Mythen, die vom Beginn der Kultur sprechen, und dies gilt des weiteren auch für jene anderen Mythen, die Beziehungen zwischen Menschen zu organisieren suchen, die als Organisationsformeln des ,Meschenverkehrs,, wie Kafka einmal sagt, verstanden werden können. Literaturwissenschaft, die diese Vorgänge sichtbar zu machen sucht, kann sich so gesehen mit Recht auch als eine Form der Kulturwissenschaft begreifen, als ein für den Fortgang der Zvilisation bedeutsames Medium verstehnder und deutender Auseinandersetzung mit Ordnungsmustern der Kultur und ihrer Prozesse.

 

  Mein hier vorgelegter `Versuch über das Besondere' im Werk Franz Kafkas stellt zwei Begriffe in den Mittelpunkt, die den von dem Prager Autor immer wieder bearbeiteten Mythos des ,Prozesses, behandeln; jenen Mythos, der das Thema des ,Proceß,-Romans (und zahlreicher anderer Rechtsfragen behandelnder Texte Kafkas) ist. Ich meine damit, genauer gesagt, das `mythische' (ungelöste) Strukturmuster des Verhältnisses von ,Traum, und ,Gesetz,, das Kafkas `Prozeß'-Phantasien durchgängig prägt. Kafka selbst hat ja - gleichsam durch eine literarische Strategie der Intertextualisierung - das Doppelthema von Traum und Gesetz durch zwei lakonische Formeln seinem unvollendeten ,Proceß,-Roman zugeordnet und zugeschrieben: in Gestalt jener beiden Parabeln nämlich, die er auch gesondert publizierte und denen er die Titel ,Ein Traum, und ,Vor dem Gesetz, gegeben hat. Die besondere Art dieser Texte, namentlich aber der Geschichte ,Vor dem Gesetz,, hat die Literaturwissenschaft lange beschäftigt.4) Man hat sie als Bildformeln, als Parabeln und Gleichnisse, als Legenden und narrative Embleme, ja man hat sie als Prosagedichte gekennzeichnet; es wäre möglich, sie - im Sinne Lyotards - auch als ,kleine Mythen, zu beschreiben5), die auf strategisch komplizierte Weise dem nicht mehr möglichen Konzept eines Romans über jenen Prozeß entgegengesetzt werden, der die Kultur selbst als Gebilde gesetzhafter Fortschreitung ausweist: große und kleine Mythe, `Roman' und `Parabel' als `Organe des Weltverstehens', erschienen dann in Kafkas Romanschaffen (und seiner impliziten Poetologie) in unaufhebbare Spannung versetzt.

 

  Auf diese Dialektik von Roman und Parabel, von in den Roman inserierter und aus ihm extrapolierter Parabel als Deutungsmuster und als blinde Maske des Verstehens zugleich, kommt es mir in meinen hier angestellten Überlegungen an. Das Modell, um das es mir geht, ist die nicht auflösbare und nicht vermeidbare Gegenüberstellung von Traum und Gesetz in eiem Feld hermeneutischer Aporie: ein Modell eigentümlich Kafkascher Prägung, das man auch als eine (das Widersprüchliche verbindende) Formal für das Funktionieren von Kultur auffassen könnte, als Schlüssel für deren Verständnis und als Verriegelung ihrer Verstehbarkeit zugleich. `Traum' und `Gesetz' in Konfrontation: Das ist zugleich auch die Gegenüberstellung von Phantasie und Norm, von Freiheit und Disziplin, von Schöpfertum und Bürokratie. Beide von Kafka erzälten kleinen Geschichten vergegenwärtigen - in sich selbst wie in ihrer Ggenüberstellung - eien liminalen Augenblick (wie Victor Turner sich einmal ausgedrückt hat6)); sie deuten auf eine Grenze und deren mögliche oder unmögliche Überschreitung hin; eine Kluft, die sich zwischen Wunsch und Traum einerseits, zwischen Gesetz und Ordnung andererseits auftut.

 

  So gesehen könnte man die beiden Kafkaschen Parabel in der Tat als ,kleine Mythen, im Sinne Lyotards lesen, die der nicht mehr möglichen großen Menschenheitsgeschischte, wie sie etwa das traditionelle Muster des Bildungsromans erzählt, entgegengestellt werden. Ein vergleichender Blick auf die beiden Parabeltexte macht diese liminale Struktur, die das Gesetz ihres Geschehens und ihrer Darstellung ist, unmittelbar deutlich.

  Die eine Erzählung, ,Vor dem Gesetz,, zeigt einen Mann, der vor dem Eingang des Gesetzes auf Einlaß wartet. Er altert allmählich und seine Wünsche verblassen. Immer noch berührt und beschäftig ihn der Gedanke, daß vielleicht dort, hinter dem Einlaßtor des Gesetzes, sein Platz in der Ordnung, vielleicht der Name, der ihm zukommt, zu finden wäre; daß dort der Einzelne vom Allgemeinen, das ja Gesetz ist, angenommen würde. Der Mann vom Land fühlt sein Ende nahen. Im Augenblick seines Todes aber wird der Eingang des Gesetzs, von dem heißt, daß er nur für ihn bestimmt war, geschlossen.

 

  Die andere Geschichte dann, die den Titel ,Ein Traum, trägt, erzählt von Josef K., der einen Spaziergang auf den Friedhof macht und dort, frisch aufgeworfen, einen Grabhügel gewahrt. Er gleitet wie von einem Sog angezogen in dessen in dessen Nähe, ein Künstler tritt aus dem Gebüsch, setzt einen Bleistift an und beginnt, die Grabschrift auf den Stein zu setzen. Er stockt, als er bei dem Namen des zu Begrabenden anlangt, und blickt Josef K. an. Nun heißt es im Text:

 

  Endlich verstand ihn K.; ihn abzubitten war keine Zeit mehr; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen Widerstand leistete; alles schien vorbereitet; nur zum Schein war eine dünne Erdkruste aufgerichtet; gleich hinter ihr öffnete sich mit abschüssigen Wänden ein großes Loch, in das K., von einer sanften Strömung auf den Rücken gedreht, versank. Währrend er aber unten, den Kopf im Genick noch aufgerichtet, schon von der undruchdringlichen Tiefe aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den Stein.

entzurückt von diesem Anblick erwachte er.7)

 

  Beide Geschichten, ,Ein Traum, und ,Vor dem Gesetz,, erzählen vom Ende. In beide geht es um das Verlöschen des menschlichen Körpers im Tod - wie ja die Anfänge von Kafkas Geschichten so oft von der Geburt der Eigentümlichkeit eben dieses Körpers sprechen. Beide Geschichten leken die Aufmerksamkeit auf jenen Punkt, wo das ,Andere, des Körpers beginnt: nämlich die Sprache. In ,Vor dem Gesetz, ist es die Sprache des Gesetzes selbst, ihre Allgemeinheit. Von ihr zeugt der Schein, der aus der Türe des Gesetzes dringt. In ,Ein Traum, dagegen ist es die Sprache des Ruhms und der Eigentümlichkeit des Namens, die in den Goldbuchstaben auf dem Grabstein das Überleben des Einzelnen im Gedächnis der Kultur zu sichern verspricht. So sind es zwei Formen der Entkörperlichung, die hier kontrastiv in Szene gesetzt werden. Es ist beidemal die Sprache, die über den Körper triumphiert: die Sprache des Gesetzes auf der einen Seite, die Zwang und Disziplin bedeutet; die Sprache der Kunst auf der anderen Seite, in der sich Freiheit und Traum verdichten; zwei Möglichkeiten der Sprache mithin, die, jede auf ihre Art, den lebendiggen Körper auslöschen und vielleicht eben dadurch in verwandelter Form überleben lassen. Der Tod des Mannes vom Land wie Tod Josef K.s scheinen geradezu die `Bedingung der Möglichkeit` solchen Überdauerns der Schrift zu sein.

 

  Beide Geschichten Kafkas sind Mythen, die eine kulturelle Aporie - und solche Aporien sind, so könnte man vermuten, die Grundmuster aller Kulturen - narrativ in Szene setzen, ein Konfliktmuster errichten, das zweierlei einander gegenüberstellt: das Modell des Traums, der ,Vor dem Gesetz, ist, auf der einen Seite; das Gesetz, das die Schwelle zum Traum öffnet, den Einlaß offenhaltend und verschließend zugleich, auf der anderen Seite. Ein solches Verständnis der Kafkaschen Parabel als kleiner Mythe, die eine soziale, eine kulturelle Aporie organisiert, ist selbst Produkt und Symptom eines kulturellen Deutungs- und Umbesetzungsprozesses - der Geschichte der Literaturwissenschaft selbst nämlich als einer nicht abgeschlossenen Geschchte des Verstehns; der Literaturwissenschaft als einer der wesentlichen Formen der Selbstverständigung einer Kultur. Vielleicht steht die Hermeneutik - als Grundform und 'Disziplin` solcher kulturellen selbstverständigung - selbst im Zeichen dieser Aporie von Traum und Gesetz; vielleicht ist - dies zu erkennen - die Aufgabe unserer Wissenschaft? Dieser  Frage möchte ich meinen Überlegungen noch ein Stück weiter nachgehen.

 

  Ich beschränke mich dabei im folgenden auf die Parabel ,Vor dem Gesetz, und ihrer Verstehenschichte. Eine solche Vorgehensweise entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung. Denn im Grunde ist das Lektüreschicksal dieses kleinen Kafkaschen Textes selbst schon eine Kulturgeschichte en miniature. Zur Verdeutlichung dieses Umstands vergegenwärtige man sich zunächst, welche Position diese kleine Geschichte im Textkonzept des ,Proceß,-Romans einnimmt. Sie findet sich im Kapitel ,Im Dom,, in dem Josef K. nahezu am Ende seines Weges (der von Geburtstag zu Geburstag, vom Augenblick des Erwachens zur Hinrichtung führt) gezeigt wird. Es ist der Augenblick einer Selbstvergewisserung des Helden und einer versuchten Deutung von dessen eigener Situation zugleich. Diese Szene ,Im Dom, ist nach dem klassischen Muster hermeneutischer Augenblicke, wie sie die europäische Kultur bestimmen, komponiert. Da gibt es zunächst einen kanonischen Text, nämlich die vom Geistlichen dem Dombesucher Josef K. erzählte ,Parabel,; da gibt es sodann eine Autorität, die über das Verständnis dieses Textes entscheidet, der Gefängnisgestliche selbst, der damit die Verbindung zum Gesetz herstellt; da gibt es ferner einen Fragenden, der sich des Sinnes dieser Parabel zu vergewissern sucht; und da gibt es schließlich einen Deutungsraum, der durch das Gespräch der beiden sich öffnet; und zwar einen klassischen Raum abendlänischer Sinnstiftung, das ikonographisch gegliederte Ensemble und Interieur einer Kirche - ein Schlüsselritual kultureller Selbst- und Weltvergewisserung. Dieses von Kafka beschworene hermeneutische Ensemble ist, wie gesagt, zum Gegenstand zahlloser literaturwissenschaftlicher Verstehensakte geworden. Da gibt es, am Anfang der Deutngsgeschichte, existentialistische Verstehensversuche, die(methodisch gesehen) im Zeichen der Textimmanenz stehen. Ihr Hintergrund ist jene europäische Schicksalssemantik, die das konfligierende Ordnungsmuster von Providenz und Kontigenz entwirft und in deren Kontext der Mann vom Lande ausgerechnet jenen ,Zufall, verflucht, der ihn an diese Stelle versetzt hat.8) so verstanden ist Kafkas Text ,Vor dem Gesetz, eine Parabel menschlichen Daseins schlechthin, ein Gleichnis menschlicher `Geworfenheit? in die Welt, der Vor-Läufigkeit der Existenz. Da sind sodann, ein wenig später einsetzend, jene zahllosen psychoanalytischen Deutungen, die sich des ödipalen Modells bedienen, um die Instanz des Vaters, des Über-Ichs und der Selbstzensur in ihrer familial geprägten Konfiguration zu zeigen. Da sind des weiteren biographische Verstehensversuche, die nach dem Muster des alten Prinzips ,1'homme est 1'oeuvre, verfahren und Kafkas Existenz, seine Lebens- und Bildungsumstände im Milieu Prags zu beschreiben suchen: sein Dasein zwischen Deutschen, Tschechen und Juden, sein Behauptungsversuche in einer Welt jener Türhüter, die vor Klubs und Kabaretts postiert sind - Kafkas Texte: eine Milieustudie, durch die eine minoritäre Literatur das Leben einer sozialen Minderheit einzufangen sucht. Da sind ferner sozialhistorische Interpretationen, die den Text in eine schichtenspezifisch gegliederte Welt des österreichischen Bürgertums einbinden, jene dumpfe Welt aus Untertanengeist und Institutionengläubigkeit, die gleichzeitig im Zeichen ökonomischer Ausbeutung steht und den magisteralen Gesetzen der Bürokratie der k.u.k.-Monarchie gehorcht - der literarische Text als Modell institutionalisierter, entpersönlichter Gewalt. Da gibt es aber auch religionspsychologisch orientierte Zugänge zu Kafkas rätselhaftem Text, die sich auf dessen Umschrift realigiöser Muster konzentrieren und auf diese Weise des Autors Arbeit am Mythos zu rekonstruieren suchen: so etwa im Sinne einer Umschrift jiddischer Legenden, wie sie Ulf Abraham versucht hat.9) Er liest Kafkas Text als Kontrafatur einer chassidischen Midrasch-Legende, in der Moses auf dem Weg zu den Gesetzestafeln gezeigt wird, die er von Gott zu erlangen versucht. Ein Engel, als erster einer ganzen Rheihe solcher Gesetzes-Hüter, verwehrt ihm den Zugang. Moses aber erschlägt den Engel und tritt in das Gesetz ein.

 

  Alle genannten Versuche (und viele andere) kreisen aber zulezt um jene Frage, die sich paradigmatisch in Kafkas ,Vor dem Gesetz,, gleichsam dem ,Text aller Text,, zu verdichten scheint, die Frage aller Fragen nämlich: `Was bedeutet Bedeuten?' - eine Frage zuletzt, die freilich nur ,Vor dem Gesetz, gestellt werden kann. Eine Wende in diesem Prozeß kultureller Vergewisserung, den der Deutungsprozeß der Parabel ,vor dem Gesetz, bildet, wird durch jenen Augenblick bezeichnet, in dem ein `Deuter' der rätselvollen Geschichte Kafkas eben diese Frage nach der `Bedeutung des Bedentens' in energisch außer Kraft setzt. Es ist Jacques Derrida in seinem Aufsatz ,Préjués,(,Devant la loi,), den er erstmals 1983 in der Fesrschrift für Jacob Taubes und dann wiederholt und verschiedenen Fassungen und Sprachen publizierte, und der sich seinerseits mit Kafkas kleiner Geschichte ,Vor dem Gesetz, auseinandersetzt.10) Derridas Betrachtung des Textes richtet sich nunmehr aber auf den Status der kleinen Geschichte selbst: Derrida konzentriert sich auf die Frage nach der `Autorisation' eines Textes, nach seinem Rechtsstatus also - und nach den in ihm wirksamen legitimierenden und deligitimierenden Instanzen. Damit situiert Derrida Kafkas Geschichte im Prozeß der Kultur selbst: und zwar in ihrer Konfrontation mit der Struktur des Gesetzes; nicht mehr als einen Prozeß wechselnder Fiktionalisierung und Bedeutungsstiftung, sondern als einen Entwicklungsgang fortgesetzter Subversion des hermeneutischen Aktes angesichts dessen, was Legitimität zu sein beansprucht. Das Erzählen findet sich an jenem `Spielort' ein, der die Bezeichnung `Vor dem Gesetz' trägt; als ein `narrativer' Akt, der in zwei Richtungen orientiert erscheint: auf Subsumption und auf Symbolisation zugleich, jene beiden Formen europäischer Hermeneutik, die durch die juristische und die ästhetische Tradition geprägt worden sind. Jacques Derridas Aufsatz gewahrt Kafkas Text als eine Urszene abendländischer Schrifterfahrung zwischen `Wahrheit' und 'Fiktonalität', zwischen Gesetz und Traum. Was hierbei zum Vorschein kommt, ist ein Akt der Dekonstrution. Diese wird für Derrida in der Begriffskonstellation von Korporalität, Oralität und Literarizität und deren argumentativer Nutzung für die Struktur des kulturellen Prozesses wirksam. In seiner Rousseau-Studie ,De la grammarologie, von 1967 hat Derrda die Rolle der Schrift in der abendländischen Geistesgeschichte zu seinem Thema  gemacht; und zwar in der Aufdeckung ihrer Auseinandersetzung mit der geltenden Idee von der Koppelung der Wahrheit an die Stimme, wie sie seit der griechischen Philosophie wirksam ist. Vor dem Hintergrund dieses Zusammenhangs befragt Derrida nun auch Kafkas Text ,Vor dem Gesetz,, und setzt, so gelesen, die drei bislang für die traditionelle Literaturwissenschaft grundlegenden Begriffe außer Kraft: denjenigen der Autorschaft zum einen, der von der Beglaubigung der Textinstanz durch das schöpferische Subjekt spricht; den der Werkeinheit, der die traditionelle Wesensbestimmung des Kunstwerks ausmacht; und den der Literatur als kultureller Institution selbst, als eies durch Gestaltungseinheit bestimmten Produktionsprogramms von Texten zuletzt.

 

  Nimmt man diesen Derridaschen Gedanken von der Subvertierung der Literarkzität selbst durch Kafkas Erzähltext auf, so läßt sich zeigen, daß Kafka dieses Problem - gleichsam strategisch - durch Infragestellung des klassischen Parabelmodells in Szene setzt, in welchem bekanntlich Stimme und Schrift durch einen einzigen Leigitimationsgestus zusammengehalten, ja verschmolzen werden.11) Es ist jener singuläre Gestus, der die biblischen Parabeln auszeichnet, welche von Christus im Neuen Testament erzählt werden. Deren Wahrheitsgarantie ist durch die göttliche Stimme selbst gegeben, die Sprache des Gottessohns (,ipsissima vox,), deren authentischer Klang den Wahrheitsgehalt des Erzählten beglaubigt: ,In parabolis et in aenigmatibus locutus es Deus,.12) Dieser `klassischen' Parabel (und ihrem eng begrenzten Wirkungsfeld) läßt sich die `moderne' Parabel gegenüberstellen, die diesen Status authentischer Beglaubigung durch die Stimme nicht mehr zu nutzen vermag und der damit die transzendente Wahrheitsinstanz fehlt. Sie ist es, die jenen Delegitimierungsvorgang in Szene setzt, der das Grundmuster von Kafkas ,Proceß,-Roman ist: kein Vorgang der Rechts- und Wahrheitsfindung mehr, sondern ein solcher von deren Delegitimation, scheiternd an der Unangreifbarkeit und Unlegitimierbarkeit der Schrift-nicht zu Unrecht sagt der Geistliche in der Dom-Szene über den Text der Parabel: ,Die Schrift ist unveränderlich,13)

 

  Die Inszenierung der Situation ,Vor dem Gesetz, gewinnt also im eigentlichen Sinne (und vor dem Hintergrund der Derridaschen Erwägungen) folgende Kontur: Der Versuch des Mannes vom Lande, durch Interpretation eines Textes eine Geschichte für sich selbst zu finden, eine Lebensgeschichte als Wahrnehmungsereignis eines Lebens-Sinns zu erzählen, steht buchstäblich ,Vor dem Gesetz,. Der Mann verläßt seinen Platz vor dem Gesetz nicht, er träunmt von Glanz und Sinn, der ihn jenseits der offenen Tür erwartet. Damit aber das Erzählen überhaupt beginnen kann, muß schon, gleichsam vorgängig, eine Grundlegung seiner Möglichkeit erfolgt sein; und zwar als die Bedigung der Möglichkeit des Erzählens selbst; mithin als ein autoritativer Akt; mithin als das Gesetz schlechthin. Diese Konstellation verdeutlicht am schlagendsten schon der Romanbeginn selbst: ,Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.,(P 7) Was sich hier ereignet, ist die gleiche ,mise en abyme,, die auch in der Parabel ,Vor dem Gesetz, am Werk ist. Vor Josef K.s Geschichte muß bereits das Gesetz stehen, sonst hätte ja bei seinem Erwachen die Verhaftung nicht schon in die Wege geleitet sein können; vor seiner Verhaftung aber mußte bereits eine `Geschichte' in Szene gesetzt sein, die Geschichte seiner Verleumdung als eines `Erzählens' nämlich, das ihn dem Gesetz zutreibt.

 

  Die Aporie, die von Kafka hier vor Augen gestellt wird, erweist sich denn auch als durch ein Doppeltes bestimmt. Einerseits ist das Gesetz schon da, wenn das Erzählen beginnt; das Gesetz nämlich als die Sprache des Zwanges, der Disziplin und der erpreßten Leigitimation. Andererseits aber muß das Erzählen seine Begründung, sein Grundlegung durch das Gesetz seinerseits allererst erzählen. Das heißt aber: Das Erzählen muß schon da sein, bevor das Gesetz als Norm in Geltung tritt; das Erzählen nämlich als die Sprache der Erfindung des Traums und der schöpferischen Inszenierung. Durch diese aporetische Konstellation des Gesetzes, das vor dem Erzählen, des Ertählens aber, das vor dem Gesetz steht, hat Kafka zugleich den Mythos von der Entstehung, von der Ermöglichung von Kultur und ihres `Prozesses' in Szene gesetzt. Es gibt keinen Anfang der Ordung - so heißt dieses Gesetz -, der nicht sien Anderes (nämlich das Erzählen) schon als Voraussetzung hätte. Dieses Muster der Komplementarität bestimmt das Verhältnis von Imagination und Begriff, von Mythos und Aufklärung, von Phantasie und System - zuguterletzt aber dasjenige von Traum und Gesetz.

 

  Vielleicht gibt es keinen Autor der Moderne, der diese Aporie genauer erkannt und präziser gestaltet hätte als Franz Kafka: daß nämlich vor dem Erzähen das Gesetz; daß aber zugleich vor dem Gesetz das Erzählen ,sich einfindet, (Derrida sagt ,comparaître devant la loi,: so als handle es sich um das Sich-Einfinden der Zeugen vor dem Gericht). Kafkas delegitimierte Parabel ist der Inbegriff dieses Vorgangs, dieses wechselseitigen Sich-Einfindens von Traum und Gesetz `voreinander'. Sie erweist sich als jene literarische Form, in der Wahrheitsinstanz und Erzählakt in unauflöslicher Differnz zusammengezwungen erscheinen; eine Parabel, die den Sinn erschließt und verriegelt zugleich, weil Erzählen und Gesetz, weil Traum und Leigitimität, weil Phantasie und Norm einander ihre vorgängigkeit streitig machen. Ich möchte - im Hinblick auf Kafkas Um-`Wendung' des Bildungsmusters der parabolischen Gattung und ihres Wahrheitanspruchs - geradezu von einer ,blinden Parabel, sprechen. Sie subvertiert zugleich, was sie konstruiert, sie situiert das Gesetz vor dem Erzählen, das Erzählen aber vor dem Gesetz.

 

  Das hier beschriebene Inszenierungsmuster ist für das Lektüteschicksal von Kafkas Parabel - wollte man dies als Element im Prozeß der selbstverständigung der Kultur auffassen - von zentraler Bedeutung. Kafkas Parabel aus dem Dom-Kapitel seines Romans setzt, so verstanden, in der Tat alle jene Paradigmen außer Kraft, die bisher für einen literarischen Text selbstverständliche Geltung hatte. Sie ist Delegitimierung der Stimme der Autors als Wahrheitsinstanz; sie ist Delegitimierung der Vorstellung von der Werkeinheit - denn Romanform und Parabelform zersetzen sich im Rahmen ihres Darstellungsstatus wechelseitig; sie ist zuletzt Delegitimierung der Vorstellung von der Literatur als einem in sich geschlossenen Sprachsystem und Gestaltungsmuster, denn sie zeigt das `Erscheinen' der Literatur vor dem Gesetz, des Gesetzes aber vor der Literatur als komplementäre Inszenierungsmuster von `Dekonstruktion'. Man könnte auch sagen, daß mit einem solchen Verständnis von der `Blindheit' der Parabel die Subvertierung des Romans durch die Parabel aber durch den Roman in Szene gesetzt wird: als die zuletzt unaufhebbare Differenz, die zwischen Referntialität und Figuralität des Geäußerten, zwischen `Wahrheit' und `Fiktion' aufbricht.

 

  Dieser Vorgang der wechselseitigen Zersetzung von Traum und Gesetz läßt sich im übrigen auch mit einer sozialpsychologisch orientierten Formel fassen, die Alice Miller als Titel eines ihrer Bücher gewählt hat: mit der Formel vom ,Drama des begetan Kindes,.14) Alice Millers prägnante Formel bezeichnet den unauflölichen Konflikt des phantasievollen und schöpferischen Kindes, in dem einerseits der Wunsch lebt, seine Eigentümlichkeit zu entwickeln, aus der selbst verantworteten Kraft zur Symbolisation sich zu bilden und zu erneuern; eines Kindes aber andererseits, das sich zugleich und zunehmend als Opfer der disziplinierenden Macht des Gesetzes und seiner Subsumptionsgewalt erfährt und deren Normierungszwang zuletzt erliegt. Dieser `dramatische' Vorgang wird situativ vergegenwärtigt und als Konflikt in einer `hermeneutischen' Situation erfahren: als Lähmung des ,Mannes vom Lande, und als Selbstwahrnehmungsaporie von Josef K.. Derridas Deutung dieser Konstellation als miteinander konfrontierter `préjugés' läßt im Hintergrund dieses Verhaltensmusters eine aporetische Kulturformel sichtbar werden.

 

  Damit komme ich auf meine anfänglich formulierte These zurück, daß Kafkas Parabeln ,Ein Traum, und ,Vor dem Gesetz, sich in ausgezeichneter Weise als Formen der Arbeit am Mythos erweisen; das heißt aber zugleich: als arbit am und im kulturellen Prozeß des Verstehens. Der Text ,Vor dem Gesetz, entfaltet seine ganze Bedeutung erst aus dem Blickwinkel einer kulturgeschichtlich orientierten Perspektive. Es käme also nun darauf an, eine solche kulturtheoretische Deutung vor dem Hintergrund des Verständ- nisses dieser Parabel in Vorschlag zu bringen. Dies sei abschließend versucht.

 

  Der Text Kafkas stellt nicht Geringeres zur Diskussion als ein Paradigma der europäischen Kulturgeschichte: das Grundmuster einer Auslegung von Welt nämlich, dessen Inbegriff das abendländische Verstehensmodell des hermeneutischen Zirkels ist, ein Muster, das von Schleiermacher bis zu Gadamer wiederholt emphatisch formuliert worden ist. Dieses situative Muster ist durch drei Momente charakterisiert. Da ist zum einen das beobachtete Verhalten oder Geschehen selbst, wie es im Text (mimetisch) seine Darstellung findet. Da ist sodann die Verständigung zwischen Beobachter und Deuter über dieses Geschehen als Errichtung, als Öffnung eines Verstehenshorizontes, der `Deutung' allererst ermöglicht. Und da ist schließlich der Versuch einer Simulation und Reduplikation dieses Verständigungsversuchs in der Erzählsituation selbst, seiner Problematisierung und Zur-Diskussion-Stellung durch den (von der Autorinstanz verantworteten) Erzählakt. Eben diese vielschichtige Situation als ein kulturelles Verhaltensmuster stellt Kafkas Dom-Kapitel, wie es der unvorllendete ,Proceß,-Roman präsentiert, in Frage. Das Erscheinen von Traum und Fiktion `vor dem Gesetz' setzt also zugleich eine Problematisierung der Institution der Hermeneutik in der abendlädischen Geschte in Szene, deren Inbegriff ja die Wahrnehmung der Welt durch Auslegung ist - seien dies nun christliche muster, wie sie seit je in der Problemgeschichte der Parabel beschlossen liegen, seien es philosophische Muster, wie sie Deutungsgeschichte des Gleichnisses im Rahmen der Hermeneutik immer wieder rekapitulieren, seien es zuletzt auch die aus der jüdischen Religion vertrauten Muster des Verstehens, wie sie in den Formen des `Pilpul' oder des `Maschal' (dem hebräischen Analogon der Parabel) ihre Wirkung entfalten.

 

  Das heißt aber: Kafkas Parabel stellt auf dubiosr Weise den Verstehensakt selbst, wie er als Kulturmuster der europäischen Geschichte bislang als unanfechtbar sich erwiesen hatte, zur Disposition, und zwar durch Aufdeckung eben jenes unaufhebbaren Konflikts zwischen Subsumption und Symbolisation als den zwei abendländischen Kulturmustern der Bedeutungsstiftung, wie sie sich an das Schema der Vermittlung vom Einzelnen und Allgemeinen knüpfen. Subsumption wäre - so verstanden - das Grundmuster juristischer Hermeneutik, das im Zeichen des Gesetzes steht, und das Einzelne zum Allegemeinen in Bezeihung setzt15); Symbolisation dagegen wäre das Grundmuster literarischer Hermeneutik, das im Zeichen des Traums und der schöpferischen Phantasie sich präsentiert und (nach der Hegelschen Terminologie) im Besonderen sein Vermittlungsglied findet.

 

  Mithin ist Kafkas Parabel ,Vor dem Gesetz, die Darstellung und Inszenierung jener Aporie in all ihren Konsequenzen, die sich dem Versuch ergibt, das Einzelne im Allgemeinen aufzuheben: und zwar - alternativ - durch den Urteilsakt der juristischen Ordnung oder durch das `Besondere' der Kunst, als dessen Inbegriff das Symbol gilt. Was hier zum Ausdruck kommt, ist die Einsicht in die Aporie der Hermeneutik selbst; in die Unmöglichkeit der Auslegung eines ertählenden Textes mit dem Ziel der Erkenntis von Welt und der Ordnung ihres Gesetzes; es ist, in der Vorstellungswelt Kafkas, des Juristen und literarischen Autor, der er gleichzeitig war, die Einsicht in die Unmöglichkeit, Traum und Gesetz gleichsam `hermeneutisch' zu vermitteln; vielmehr macht eben diese sich fortzeugende Differenz in ihrer Unüberwindlichkeit selbst den Prozeß der Kultur aus.

 

  Kafkas Werk insgesamt kann so als ein Textkorpus gelesen werden, das sich der Arbeit am Mythos verschreibt: dem Mythos von der Vermittlung des Einzelnen ans Allgemeine durch das Besondere, als dem zentralen abendländischen Mythos von der Wahrheit der Kunst. Indem Kafkas Parabel ,Vor den Gesetz, die eine Geschichte vom Traum, der vor dem Gesetz sich einfindet, und deren Doppel vom Gesetz, das das Tor zum Traum öffnet oder schließt, erzählt, gibt sie sich als ein Text zu erkennen, der über die Literatur selbst als arbeit am Mythos spricht, und ineins damit verdeutlich, daß diese Arbeit an dem Konflikt zwischen Traum und Gesetz, zwischen Einzelnem und allgemeinem, zwischen Symbolisation und Subsumption nicht zu einem `Urteil' (dies ist der Titel von Kafkas erster großer Erzählung) zu gelangen vermag, sondern nur als Prozeß der Verschleppung gezeigt werden kann; daß dieser Prozeß selbst nur als differenz, als sich fortschreibende Verschiebung (als ,verschleppter Prozeß, (P 216), wie eine Formel Kafkas lautet) erfahrbar ist. Kafkas Text setzt das Schreiben des Schreibens, das Lesen des Lesens, den Mythos eines Mythos in Szene; Kafkas Text ist - so könnte man sagen mit einer abschließenden formel sagen - selbst jene Form, die der ,Traum vor dem Gesetz, annimmt.