Die politische (und wirtschaftliche) Situation in Deuschland

vor und nach der Wiedervereinigung

 

 

Brigitte Bartschat*

 

 

 

1. 1989 war ein besonderes Jahr für Deutschland:

 

 

  Es war die Zeit der sorgenannten ,Wend,, und dieses Jahr führte zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten am 3. Oktober 1990.

Zwei Gründe veranlassen mich, zu diesem Thema zu Ihnen zu sprechen. Erstens weisen Korea und Deutschland politisch eine Reihe von Parallelen auf, so daß die Entwicklung in Deutschland für Sie interessant sein könnte, und zweitens kenne ich diese Entwicklung besonders gut, denn ich bin in mehrfacher Hinsicht

Zeitzeuge:

(a) Ich habe die Veränderungen selbst miterlebt;

(b) Ich komme aus dem österreichn Teil Deutschlands, der ehemaligen DDR;

(c) Ich komme aus Leipzig, derjenigen Großstadt im Osten, in der die Wende ihren Anfang nahm. Sie wurde vorbereitet und erzwungen durch Demonstationen, die über Monate hin jeden Montag abend in Lepzigs Innenstadt stattfanden, bis die Macht der Parteiführung der SED (= Sozialistische Einheitspartei Deutschands, die den Statt DDR tragende Partei) gebrochen war. Auch in anderen Städten wurden dann diese Montagsdemonstrationen durchgeführt. Diese Ereignisse bildeten eine ,friedliche Revolution,, Leipzig bekam danach den inoffiziellen Ehrentitel einer ,Heldenstadt,.

  Gesttaten Sie mir einen sehr kurzen vergleichenden Rückblick auf die Endwicklung unserer Staaten in den letzten ca. 50 Jahren. - Korea und Deutschland erlebten 1945 ein historisch entscheiden - des Jahr. Für Sie brachte das Ende des 2. Weltkrieges die Befreiung von der japanischen Unterdrückung. Deutschland andererseits hatte diesen Weltkrieg selbst verschuldet, mehr noch, es war mit Italien und Japan ein Büdnis eingegangen, das diesen drei als ,Achsenmächte, (so genannt wegen der geopolitischen Lage) weltpolitisch eine Vormachtstellung verschaffen sollte. 1945 wurde das Naziregime Hitlerdeutschlands von den Alliierten, d. h. den Vereinigten Staaten, Großbritannien, der sowjetunion (und Frankreich, das aber bis 1944 selbst von Deutschland besetzt gehalten worden war) besiegt. Auch für das deutsche Volk war dies eine Befreiung, wenn auch nicht von fremdem, so doch von eigenem Joch; nur reaktionäre Kreise sprachen statt von Befreiung von ,Zusammenbruch,. Deutschland wurde geteilt, wie es die Alliierten schon vor Kriegsende auf der Konfernz von Jalta (Februar 1945) vereinbart hatten, zunächst in 4 Besatzungszonen. 1949 schlossen sich dann die Zonen der drei westlichen Mächte zu der bürgerlichen Demokratie der ,BRD, zusammen, und die sowjetische Zone wurde zur ,DDR, , ein als sozialistisch getarnter autoritärer Staat. Hauftstädte wurden Bonn für die BRD und (Ost)Berlin für die DDR. Die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten galt als die bestbewachte Grenze in Europa, zumal sie auch die beiden großen politischen und millitärischen Blöcke - NATO und Warschauer Pakt - voneinander trennte. Diese Grenze galt als ,Eiserner Vorhang, .

  Bei Ihnen führte der Korea-Krieg zu einer ähnlichen Konstellation, Nordkorea und die Republik Korea sind ebenfalls in unterschiedliche Lager eingebunden. Vergleichbar ist auch die Tatsache, daß es weder bei Ihnen noch bei uns eine offizielle Beendigung des Krieges gegeben hat, nur einen Waffenstillstand, der mit den jeweiligen ausländischen Verbündeten und nur mit ihnen de facto zu einem Friedenszustand und zu stufenweiser Souveränität führte.

Die politische (und wirtschaftliche) Situation in Deuschland vor und nach der Wiedervereinigung

  Aber es gibt auch ganz erhebliche Unterschiede zwischen der Situation in unseren Ländern:

(a) Ihre Nord-Süd-Grenze ist fast absolut undurchlässig, unsere Ost-West-Grenze war es in diesem Maße nie.

Dazu ein paar Beispiele:

Selbst nach Errichtung der Berliner Mauer am 13. 8. 1961 und der Befestigung der Grenze in ihrer gesamten Länge mit Mauern, Stacheldraht und Selbstschußanlagen waren gegenseitige Besuche in gewissem grade möglich: von West nach Ost zu dienstlichen Zwekken - wie zur Leipziger Messe, 2 x/Jahr - und zu privaten Besuchen; allerdings verlangte die DDR einen Zwangsumtausch von 25, - DM pro Tag, in der Bevölderung spöttisch als ,Eintrittsgeld, bezeichnet. Es war dies eine nicht zu unterschätzende Devisenquelle für die DDR, die chronisch unter Devisemangel litt, was wir an der mangelhaften Versorgung mit Importgütern merkten. Groß Restriktionen gab es in der umgekehrten Richtung, von Ost nach West: Personen im Rentenalter durften zu Verwandtenbesuchen in die BRD, ins westliche Ausland aber nur heimlich (d. h. die Grenzbeamten stempelten dann die DDR-Pässe absichtlich nicht ab, so daß die DDR-Behörden kerne Sichtvermerke fanden) ; Jüngere konnten nur unter besonderen Bedingungen in die BRD reisen, und zwar zu besonderen, ,runden, Geburtstagen von Verwandten ersten Grades oder zu deren Beerdigung. Für alle übrigen gab es keine Reisefreiheit, was dann auch zu einem Hauftthema der Demonstration von 1989 wurde. Beispiele für (gereimte) Sprüche auf Plakaten, die bei den Demonstrationen mitgetragen wurden:

,Ohne visa bis nach Pisa!,

,Visafrei bis Shanghai!,

,Mit dem Fahrrad durch Europa, aber nicht als alter Opa!,

Dienstreisen in die BRD und ins westliche Ausland waren einem ausgewählten Personenkreis vorbehalten, den sogenannten ,Reisekadern,. Ich z.B. gehörte nicht dazu, wie auch die Mehrzahl meiner Kollegen; nicht nur Urlaubsreisen, sondern auch Reisen zu Kongressen, Universitätsbesuche usw. waren für uns deshalb immer nur in 1 Richtung möglich, in das sog. ,sozialistische Lager,. Den großen Rest der Welt und damit auch Ihr schönes Land konnte ich erst ab 1990 kennenlernen.

(b) Ein weiterer Unterschied zu Korea: Zwar war der Vertrieb westlich Print-Medienwin der DDR verboten, aber Rundfunk und Fernsehen ließen sich auf die Dauer nicht verbieten, wenn ich Ihnen auch einige Beispiele für entsprechende Versuche nennen könnte. TV und Rundfunk blieben so ein einigendes Band, was dazu führte, daß die DDR-Bevoelkerung nicht ner ausgezeichnet informiert war über die weltpolitische Situation, sondern auch dazu - und hier möchte ich mein Fach, die Sprachwissenschaft, hinzuziehen -, daß es keine merkliche Auseinanderentwicklung der beiden ,deutschen Sprachen, gab. Terminologisch sprach die DDR-Führung zwar von einem ,Staatsvolk der DDR, und von einer ,Staatssprache der DDR,, aber den politischen Regelungsversuchen stand einfach die Realität gegenüber. Inwieweit es freilich doch Ansätze zu unterschiedlichen sprachlichen Tendenzen in Ost und West gegeben hat, ist Thema eines anderen Vortrages.

  Ich weiß aus südkoreanischen Publikationen, daß die sprachliche Auseinander- entwicklung in Nord- und Südkorea Sie hier in Korea offensichtlich stärker beschäftigt als die deusche Sprachsituation uns. Die Diktatur in Nordkora, die gesteuerte Medienpolitik dort, insgesamt die strenge Isolation müssen wohl daran schuld sein, daß es vielleicht wirklich eine sprachliche Auseinanderentwicklung gibt. Ich will aber trotzdem daran glauben, daß die Jahrhunderte, ja Jahrtausende gemeinsamer Geschichte und Kultur letztlich siegen werden - was sind schon 50 Jahre Trennung für ein so auf Traditionen beruhendes Land wie Korea!

 

 

2. Zurück zur Entwicklung in Deutschland

 

  1989 blieb zunächst die DDR als Staat bestehen, natürlich mit einer neuen politischen Zielstellung; erst am 3.10.1990 erfolgte die Wiedervereinigung. Diese war durchaus nicht unumstritten, vor allem erfolgte sie überhastet und wenig durchdacht. Der Kanzler der BRD, Helmut Kohl, wollte unbedigt und so schell wie möglich ,Kanzler aller Deutschen, werden. Es ist dies nicht etwa nur meine persönliche Meinug, sondern die sehr vieler Deutscher in Ost und West. Sicher wäre ein langsames Zusammen- wachsen unter demokratischem Vorzeichen für alle der bessere Weg gewesen. Man muß aber zugestehen, da•‚es in der Bevölkerung im Osten zwei massive Forderungen gegeben hatte - die Reisefreiheit und die Einführung der D-Mark. Die Reisefreiheit wurde sofort ermöglicht

  (mit den alten DDR-Reisepässen, was zu Schwierigkeiten an den Grenzen führen konnte; so hat man nich im September 1990 nur durch Vermittlung westdeutscher Fluggäste nach Irland hereingelassen, mein Pass war gar zu unbekannt in Dublin) ;

  der Währungsumtausch kam am 1. Juli 1990, also auch schon 3 Monate vor der Wiedervereinigung.

 

 

3. Wie ist nun die weitere Entwicklung in deutschland verlaufen, kann man ein Resumee ziehen nach diesen 8 bzw. 9 Jahren?

 

 

  Im Ostteil wurde die alte Struktur in 14 Bezirke aufgehoben, nach dem föderativen Muster der BRD wurden statt dessen 5 bundesländer gebildet. Wenn man heute von diesem östlichen Teil spricht, hat man auch in Deutschland selbst terminologische Schwierigkeiten: ,DDR, geht nicht mehr, ,Ostteil,, ,östliche Länder wird als diskrinierend empfunden, andererseits gibt es aber noch Gemeinsamkeiten zwischen diesen Ländern der ehemaligen DDR. Manchmal hilft man sich mit der Zusammenfassug ,Die 5 neuen Länder, oder gar ,Neufünfland,, was natürlich auch unbefriedigend ist und die durchaus unterschiedliche Entwicklung der 5 nicht reflektiert.

3 der 5 Länder werden von der CDU regiert, der Partei des Kanzlers Helmut Kohl, 2 von der SPD, z.T. in Koalitionsregierungen. Jetzt im September stehen Bundestagswahlen an, Prognosen gehen von einem Sieg der gegenwärtigen Oppositionspartei SPD aus. Ob sich dies bewahrheitet und ob es veränderungen bei den auch anstehenden Landtags- wahlen gibt, kann erst danach festgestellt werden.

Politisch hat diese bis jetzt nicht völlig gelungene Wiedervereinigung auch negative Folgen. Sehr enttäuschend für uns, aber nicht ganz überraschen gibt es in den neuen Budesländern einen erheblichen politischen Rechtsruck. rechtsradikale und ausländerfeindliche Gruppen insbesondere von Jugendlichen (unter denen die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist) machen innen- wie aussenpolitisch negative Schlagzeilen. Rechte Parteien erringen mit ihren Wahlparolen Stimmen und ziehen zum Teil sogar in Landtage ein. Ich bin gern bereit, in der Diskussion im Anschluß konkrete Beispiele zu bringen wie den völlig überraschenden Einzug der rechten DVU (= Deutsche Volksunion) in den Landtag von Sachsen-Anhalt. Gutgemeinte Kampagnen wie die Kampagne prominenter Sportler und TV-Stars mit Slogans wie ,Überrall auf der Welt sind wir Ausländer, erreichen leider nicht diejenigen, denen sie zu denken geben sollten.

In der Tat sind die Arbeitslosenzahlen im Osten Deutschlands extrem hoch, mit teilweise 25% der erwerbsfähigen bevölkerung liegen sie weit über dem Durchschitt auch strukurschwacher Länder des Westteils. Die Gründe dafür sind insbesondere darin zu suchen, daß Industrie und Landwirtschaft der DDR nicht konkurrenzfähig waren gegenüber dem Westen und auch darin, daß der Westen dies ungebührlich ausgenutzt hat im Konkurrenzkampf der beiden wirtschaftssysteme. In der Diskussion nach diesem Vortrag gebe ich gern konkrete Beispiele.

Arbeitslosigkeit ist deshalb zur Zeit das Hauptthema aller Überlegungen, auch im Wahlkampf zur Bundestagswahl. Denn: Der Wunsch nach Reisefreiheit und nach Einführung der ,richtigen Währung, wurde sofort erfüllt, es brach eine regelrechte Reise-Euphorie aus; nun hat die Realität die Menschen wieder eingeholt. Was nutzen D-Mark und Reisefreiheit denjenigen Teilen der Bevölkerung, die nicht ausreichend über die finanziellen Mittel verfügen, sie zu nutzen! Und dazu noch einer Bevölkerung, die Arbeitslosigkeit überhaupt nicht kannte.

  Wiederum muß ich aus Zeitgründen auf Erlöuterungen dazu verzichten, daß es natürlich Arbeitslosigkeit gab, aber eine verstecke, von der einzelne DDR-bßrger nichts spürte.

  Diese Entwicklung hat dazu geführt, daß sozialogische Untersuchungen zeigen, daß es zwar keine Mauer aus Steinen und Stacheldraht mehr gibt, aber leider noch die , Muer in den Köpfen der Menschen,. Hartnäckig halten sich die bösen Bezeichnungen ,Ossi, und ,Wessi,, hartnäckig halten sich die gegenseitigen Vorurteile: Selbst Schüler, die doch ihr ganzes bewußtes Leben schon im wiedervereinigten Deutschland verbracht haben, listen solche Urteile wie ,arrogant, - über den Westdeutschen - und ,faul, - über den Ostdeutschen - auf und finden sich gegenseitig ,blöd,. Ich erläutere gern eine entsprechende Studie an Kinden zweier Berliner Stadtbezirke aus dem Jahr 1996(!).

 

 

4. Zuletzt noch ein kurzer Blick auf die wirtschaftliche Situation:

 

  Die wirtschaftliche Entwicklung der 5 neuen Länder zeigt ein deutliches Süd-Nord- Gefälle: der strukturschwache nördliche Teil hat extrem hohe Arbeitslosenzahlen, die Wirtschft ist fast völlig zusammengebrochen. Dem Land Sachsen, in dem Leipzig liegt, geht es dank innovativer neu angesiedelter Industriezweige vergleichsweise gut. Trotzdem ist das Wort von Helmut Kohl, er sehe ,blühende Landschaften im Osten,, nicht eingelöst worden, es wird heute nur noch in satirischem Kontext zitiert. Von Jahr zu Jahr werden die Prognosen für eine Angleichung des Lebensstandards zwischen Ost und West weiter nach hinten verschoben.

 

 

5. Zum Schluß ein Resumee und ein Ausblick auf die weitere Entwicklung

 

  Auch wenn in der Zeit der Wiedervereinigung die reale politische und wirtschaftliche Situation zunächst zu optimistisch gesehen wurde, darf nicht vergessen werden, daß die DDR politisch und ökonomisch am Ende war und einfach zusammenbrechen mußte. Und ihre Bevölkerung ließ sich die Unfreiheit nicht länger gefallen, wie die Ereignisse des Jahres 1989 gezeigt haben. Die wiedergewonnene Freihei im Denken und Handeln ist für uns Bürger der ehemaligen DDR ein hohes Gut, das auch die Mißmutigsten zu würdigen wissen. Und es war ebenso unvermeidbar, daß die Anpassung an den Lebensstandard der BRD nicht von einem Tag zum anderen erfolgen konnte, sondern einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen wird. Mit dem Fortschreiten dieses Prozesses wird auch die ,Mauer in den Köpfen der Menschen, fallen, wie es mit der realen Mauer geschah. - ,Wir sind 1 Volk, lautete eine der Losungen, die 1989 auf den Transparenten der Montags-Demonstrationen mitgetragen wurden. Deutschland ist 1 Nation und wird es bleiben. Bitte nehmen Sie diesen Prozeß als Gewißheit auch für die Entwicklung in Ihrem eigenen Land; auch Korea ist 1 Nation und wird wiedervereinigt werden - und nach allem, was ich darüber gehört und gelesen habe, haben die Koreaner ein viel stärkeres Homogenitätsemfinden und einen viel größeren Nationalstolz als die Deutschen, was ich mir als das Erbe jahrhundertelanger Selbstbehauptung und großer kultureller Leistungen Ihrer Landsleute in der Geschichte erkläre.

Und nun noch eine notwendige Einschränkung: In meinem Vortrag konnte ich nur auf einige wenige Aspekte der umfassenden Deutschlnd-Problematik eingehen. Kenner der Situation in Deutschland unter Ihnen werden vieles vermissen, denn ich habe wirklich vieles gar nicht erwähnt. Alles ließ sich mit 1 Vortrag nicht erfassen.

Und noch eine Einschränkung: Vieles ist durch meine subjektive Brille gesehen, aber dies war beabsichtigt und sollte Ihnen ein farbigeres Bild der Ereignisse geben, als es trockene Berichterstattung vermag.