Die Wende in der deutschen Literatur

 

Günter Häntzschel*

 

   Bekanntlich gehören das politische Ereignis der Wende seit dem Herbst 1989 und die Literatur eng zusammen. Literaten, Schriftsteller waren es, die in der Bundesrepublik wie in der DDR beziehungsweise in den alten und in den neuen Bundesländern die Möglichkeiten einer Wende im Sinne einer Reform des Sozialismus und der DDR, dann die Probleme der nationalen Idntität und diejenigen einer Vereinigung diskutierten, kommentierten oder zu steuern suchten. Im Westen standen sich dezidiert Martin Walser und Günter Grass gegenüber, der eine als entschiedener Befürworter der deutschen Einheit, der andere als Propagierer für eine Zweistaatlichkeit in der Hoffnung auf eine demokratische Erneuerung.1) Viele weitere Autoren schlossen sich der einen oder der anderen Richtung an und differenzierten sie durch ihre Stellungnahmen. Im Osten führten die politischen Ereignisse zu einer kritischen Überprüfung der eigenen Rolle im System der DDR und zu Zweifeln, ob mit der Vereinigung die Phänomene der Vergangenheit zu lösen seien. Christa Wolf fragte: "Wer wird die Trauer, die Scham, die Reue vieler Menschen noch öffentlich ausdrücken wollen, wenn alle mit der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen beschäftigt sein werden."2) Und Christoph Hein reflektierte: "Ein Staat geht in diesen Jahren zu Ende, der für die einen ein Schreckens - und Terrorsystem darstellt, für andere die einzige Alternative für Marktwirtschaft war, und für noch andere die mißratene Hoffnung auf eine menschliche Gesellschaft, ein Weg, der ein Ausweg sein sollte [..]."3)

   Der durch Christa Wolfs 1990 veröffentlichte Erzählung "Was bleibt" ausgelöste Literaturstreit im mittlerweile vereinten Deuschland führte zu polemischen Debatten über die Stellung der DDR-Autoren zum Staat, über die politische Rolle der Intellektuellen in beiden Teilen Deutschlands und über die Beziehung zwischen Moral und Ästhetik überhaupt.

 

  Diese Vorgänge sind seit längerer Zeit bekannt und ausführlich dokumentiert.4) Weniger untersucht ist dagegen, was ich in diesem Beitrag in den Mittlepunkt stellen möchte: erstens die Wende als ein literarisches Thema und zweitens die sich daran ausschließenden Fragen nach einer möglichen Wende in der deutschen Literatur in dem Sinne, ob seit 1989 etwas von veränderten Schreibweisen zu spüren ist oder zumindest bisherige Schreibverfahren an Gültigkeit einbüßen. Bevor diese Fragen in Form einiger Thesen und Erwägungen beantwortet werden können, ist es erforderlich, in einem Überblick eine Anzahl repräsentativer Texte, die sich mit den Ereignissen der Wende auseinandersetzen, vorzustellen. Ihre Charakterisierung wird, soweit das in der knappen Zeit möglich ist, auch zur Erörterung ihrer literarischen Angemessenheit führen und damit den zweiten Komplex treffen.

 

 

Ⅰ.

 

   Die Wende als literarisches Thema könnte für die gegenwärtige Literatur ergiebig sein und ihr neue Impulse zuführen, im Westen ebenso wie im Osten beziehungsweise in einer möglichen vereinten deutschen Literatur. Von wichtigen Ausnahmen abgesehen, die in diesen notwendigerweise pauschalen Bemerkungen nicht zur Sprache kommen können, scheint die Kritik nämlich nicht unrecht zu haben, wenn sie der Literatur der Bundesrepublik seit gut fünfzehn Jahren so oft allzu große Beliebigkeit vorwirft, mangelnde Originalität, Wiederholungen, Substanzverlust, Themenarmut, unverbindliche Privatheit, ein Auf-der-Stelle-Treten auch in der Darstellungsweise. Und in der DDR war bekanntlich ein Großteil der Literaten von der gezwungenen Anpassung an die offizielle Staatsdoktrin geprägt, doch auch die gegenüber den sozialistischen Leitvorstellungen kritischen oder subversiven Autoren konnten ja infolge der Zensur nur vorsichtig opponieren und kaum einmal offene Aussagen wagen. Soweit ich sehe, sind aus beiden Teilen Deutschlands in den 80er Jahren weniger Bücher in andere Sprachen übersetzt worden als in den Jahrzehnten davor. Und die Übersetzung in fremde Sprachen ist immer ein verläßlicher Indikator für die Qualität einer Literatur.

   Verheißungsvoll klingt daher Stefan Heyms Erklärung vom 4. November 1989 auf der Demonstration der Künstlerorganisationen in Ostberlin, in der er sagte : "Wir haben in den letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind dabei, den aufrechten Gang zu erlernen."5) Bezieht man diese Feststellung nicht nur auf den unmittelbaren Demon- strationsanlaß um Presse-Meinungs-und Versammlungsfreiheit und um freie Wahlen, sondern, wie natürlich mitgemeint, auch auf die Freiheit in der Literatur, so kann man hier den Beginn einer neuen Ära sehen, in der erstmals Sprachlosigkeit, verschlüsselte Sprache und Zensurstil zugunsten eines 'aufrechten Gangs', also einer offenen und aufrichtigen Aussprache überwunden werden sollten. Ich übergehe die massenhafte politische Publizistik der Autoren und wende mich den fiktionalen Texten zu, die ich in fünf Gruppen gegliedert habe, von denen ich die beiden ersten Gruppen etwas ausführlicher behandeln möchte.

 

1)

 

  Eine erste, auch chronologisch erste Gruppe bilden die seit September 1989 entstehenden und ab 1990v eröffentlichten Tagebuchnotizen und Augenblichsnotate. Spontan niederge- schrieben und die vibrierende, schnell wechselnde Stimmung der von den unerhörten Ereignissen Betroffenen protokollierend, sind solche Texte authentische Zeugnisse, die neben und mit den Fakten erstmals eine Identitäts - und Selbstfindung der Schreibenden ermöglichen. Ein Beispiel ist das "Dresdener Tagebuch" "Die verkauften Pflastersteine"6) des bisher als Lyriker bekannten Dredener Autor Thomas Rosenlöcher, der die Ereignisse seit dem 8. September 1989 bis zur ersten freien Wahl am 18. März 1990 notiert. Neben Hoffnung auf einen dritten demokratischen Weg der DDR - "Nach Hammer und Sichel im Nacken möchte ich nicht unbedingt einen Mercedes -Stern auf der Stirn tragen" - und der Enttäuschung über das Ergebnis der Wahl, den Wunsch der Bevölkerung nach schneller Vereinigung durch Beiritt und Selbstaufgabe, erleben wir mit dem Autor einen tastenden Befreiungsprozeß von Sprachverboten. Erstmals gerät das Subjekt in den Mittelpunkt; "Wer hört uns eigenitlich? Die Stasi, ja, aber die weiß, was sie hört, schon vorher. Also : Wir selbst. Ich. Ich rufe gegen die Barrieren in mir an. Meine Ängstlichkeit, mein Duckmäusertum." "Nach-innen-Horchen die Voraussetzung für Gedichte." Wir vernehmen zugleich die ungewohnte Erkenntnis nicht mehrgegen die Staatsdoktrin anschreiben zu müssen: "Wenn mir auch unter den neuen Verhältnissen nichts mehr zum Schreiben einfällt, weil nun das finstere Funktionärswesen nicht mehr durchs Gedicht rumort, so werde ich doch auf mich selbst noch einen sonderbaren Eindruck machen." Wir vernehmen aber auch Rosenlöchers Erfahrung, in dem der politische Widerstand, gegen den er sonst gewöhnt war anzuschreiben, wegfällt. Wir erkennen seine Irritation, von der er schreibt, und zugleich die Grenzen sprachlicher Mitteilung des Mediums Tagebuch: "Solche Unbestimmtheiten das Eigentliche des Erlebens, unaussprechbar. Hier eben der Irrtum aller Tagebuchschreiberei. Das Tagebuch reiht Fakten, je nachdem wie das Leben so spielt und behauptet damit, daß das Leben so spielt. Das ist vorsätzliche Täuschung." Offensichtlich genügt ihm die Tagebuchform nicht mehr, da die einzelnen Notate ohne innere Organisation nebeneinander stehen. Noch deutlicher wird das in der folgenden Eintragung: Nachdem er über den Bundesckanzler geschrieben hat, der im Fernsehen auftrat und darüber, daß in der Nachbarschaft rings umher der Gesang ertönt "So ein Tag, so wunderschön wie heute", folgt das Notat: "Stehe nackt vor dem Spiegel. Weiteres gibt es nicht zu berichten. Um weiteres zu berichten, bedürfte es einer anderen Prosa." Eine Schlüsselstelle: So fundamental wichting die vorher nicht mögliche Konzentration auf das eigene Selbst ist - hier der Intensität halber als Selbstentblößung demonstriert und noch dazu vor dem Spiegel -, so wenig verbinden sich Authentizität und politische Ereignisse zu einer literarisch befriedigenden Form, die über den erlebten Augenblick hinaus Bestand hätte.

 

  Rosenlöcher zieht die Konsequenz daraus: Sein nächster, 1991 veröffentlichter Text,"Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Von Dresden in den Harz"7) kombiniert in sehr viel artifiziellerer Weise eine tatsächliche Wanderung, selbst Erfahrenes und Beobachtetes aus dem Alltag der noch existierenden DDR, und zwar am Tag der Währungsreform am 1. Juli 1990, mit literarischen Elementen der Ironie, des Spotts, der Groteske und Phantasmagorie einer aktualisierten Walpurgisnacht, hinter der das Heinesche Modell der "Harzreoes" erkennbar wird. Der Text ist komponiert und lebt aus dem Spannungsverhältnis von empirischer Wanderung, die mehr als das auf Dresden begrenzte Tagebuch die Schilderung eines größeren Teils der Wirklichkeit ermöglicht, und mehr oder weniger versteckten Anspielungen auf eine satirische Zeitreise im Sinne jungdeutscher Reiseliteratur. Ohne daß Elemente der Wirklichkeit, der einsetzenden Restauration im Sommer 1990, verloren gehen, werden sie in den Zusammenhang mit Heines Kritik an der Resauration seiner Zeit gebracht. Der ästhetische Gewinn ist Perspektivenvielfalt, Mehrdeutigkeit und Flexibilität weit über das bloß Faktische hinaus.

  In weiteren tagebuchartigen Aufzeichungen, die auch von westlicher Seite erfolgen - ich denke zum Beispiel an die "Berliner Notizen" des niederländischen Autors Cees Nooteboom8) steht bei den ehemaligen DDR-Autoren immer wieder das Bemühen im Vordergrund, eine eigene subjektive Sprache zu finden. Übte ex Thomas Rosenlöcher am Modell der Reise in seine Vergangengeit. Hier wie dort der Versuch einer Selbstfindung, daher bezeichnet Kurt Drawert seine Niederschrift "Spiegelland" als "einen deutschen Monolog."9) In monologischer Suada dackt der Autor die nationalsozialistische Vergangenheit seines Vaters, eines hohen Polizeioffiziers, auf, und entlarvt damit die antifaschistische Ideologie der DDR als Lüge oder doch als allzu vereinfachende Gedichtsklitterung. Sein eigentliches Thema bildet jedoch die offizielle, verordnete Sprache der kommunistischen Diktatur, die eine individuelle Artikulation verhinderte, die zur Sprachverweigerung und in die Einsamkeit führte und die jetzt einen Redefluß hervorbringt, der in seinem monologischen Gestus die Fortsetzung der Einsamkeit mit anderen Mitteln ist. Der Text zeigt eindringlich die Unwirklichkeit des DDR-Lebens, die sich auch in den gegenwärtigen Wahrnahmungen noch unvermindert spiegelt. Einerseits; "Der einem wie Stallgeruch anhaftende Status DDR geht weiter und die belästigenden Fragen gehen weiter, nirgendwo kann man der Gesellschaft, in die man zufällig hineingeworfer. v.ar und die man vielleicht nur aus Faulheit und mangelndem Leidensdruck nicht verließ, da man lange schon fertig war mit ihr nach außen und innen und nichts mehr erwartete und nichts mehr bekam, entkommen, verutrteilt, in der Fremde deren Repräsentant zu sein. "Andererseits die jetzt nicht zu verhindermde Ausgeliefertheit an vordergründige Reize der ungekannten westlichen Welt; das Gefühl, "vollens in der Welt des Belanglosen verloren zu sein, das Angebot der Gegenstände, es hat mich zu einem trivialen Menschen gemacht, wie ich es zuvor niemals war und wie es trivialer nicht geht. Da war dieses dauernde Autovergleichen zum Beispiel [...]. Oder aber ich knipste am Morgen, doch das war ja schon ein Vorgang meines Gesunkenseins, den Fernseher an und sah die ganze Welt spielen und machte mir ernsthafte Gedanken. Auf dem einen Sender spielte man mit Fragen zum Leben der Könige und Prinzen, auf einem anderen Sender spielte man mit Gummibällchen und Plastiktrichter, auf einem dritten wurde unablässig Tennis gespielt [...]."

 

  In immer wieder neu ansetzendem Redeschwall, bohrend und kreisend, auf der Stelle tretend und doch gleichzeitig weiterdrängend, mit aufdringlichen Wiederholungen gibt Drawert ein Psychogramm seiner Ruhelosigkeit und inneren Leere, seiner geistigen Paralyse und seiner Verlorenheit zwischen einstiger politischer Anpassung und jetziger Gefahr materieller Anpassung : ein "beschädigtes Leben", in Gefühls- und Bewußtseinsspaltung. Was fehlt, ist eine ausgleichende wie ausgeglichene Mitte gegenwärtiger Existenz als Person und Autor. Eine Erklärung seines Schreibens liefert Drawert am Ende selber; "[...] sobald ich ins Erzählen geriet und meine Geschichte, um sie zu verstehen, in die Vergangenheit holte, kam mir eine zweite und dennoch zu mir gehörende Person wie aus der Zukunft entgegen und forderte mich auf, eine andere Wirklichkeit zu übernehmen, vor der die erfahrene Wirklichkeit sich auszulöschen schien. Eine Notlage des Körpers, ein gespaltener Empfindungszustand, ein dauerndes Mißverstehen zweier gegengerichteter sprechender Figuren, denn was die eine sagte, war der anderen unglaubwüdig oder unverständlich oder beides gewesen, so daß sich das Wissen zusehends in Nichtwissen verwandelt hat und das Beiläufige einen unerwarteten Sinn hinterließ."

  Die Niederschrift bezeichnet die problematische Situation eines solchen Zwischendaseins prägnant. Einige Rezensenten fühlen sich, vor allem aufgrund der permanenten Wiederholungen, an Thomas Bernhards monomanischen Sprachgestus erinnert.10) Wenn Drawert tatsächlich Bernhards Sprache imitiert - was durch eine genaue Analyse erkundet werden müßte - wäre das wohl nicht nur eine literarische Pose, sondern zeigte noch einmal handgreiflich die der existentiellen Verunsicherung entsprechende Verusicherung des Schreibenden, der sich aus Mangel an eigener Sprache eine fremde Sprache ausleithen muß und gegenwärtig nur so etwas wie ein künstliches Produkt zustande bringt.

 

2)

 

  Einen zur tagebuchartigen Bekenntnisliteratur analogen Vorgang finden wir in der Lyrik zur deutschen Wende : das Nebeneinander von spontanen Empfindungen und artifiziellen Formen der Mitteilung, oder genauer ; einen Entwicklungsprozeß von Spontaneität zur Verfremdung. Die von karl Otto Conrady herausgegebene Anthologie "Von einem Land zum andern. Gedichte zur deutchen Wende"11) bietet dafür einen repräsentativen Überblick. Obwohl die Lyrik mit den ihr spezifischen Mitteln eigenständiger Textorganisation, Abweichung von prosaischer Diktion, Zeilen-und Stropbenbildung, möglicherweise rhetorischer Struktur schon grundsätzlich einen abstrahierenden Formungsprozeß der sprachlichen Mitteilung bietet, wie ihn die Prosa nicht enthält, entstehen unter dem unmittelbaren und selbst erlebten Eindruck der Ereignisse zunächst Gedichte emotionalen Charakters, die an die Form der Erlebnislyrik erinnern : So von Armin Richter aus Chemnitz.

 

Rotes Kirschenlaub

 

Plötzlich sind Sraßen wieder

Wie fließende Gewässer

Münden in alle Ortre der Welt

Und in die Straßen

Wo noch das mächtige hilflose Volk steht

 

Feuersignale der Hoffnung

Flammen von den Ahornen

Der nahen Chaussee herüber

Das Kirschlaub im Garten Errötet davon.

 

Jedes Herz schlägt

Mit fremdem Rhythmus

Ich habe das Gefühl

Als träume die Wirklichkeit

Gegen alle Zweifel an

 

Noch ist Herbst

Der Hoffnung Früchte

Wer wird sie ernten

 

  Nicht nur die Ich-Aussprache, sondern mehr noch die Evokation, daß "alle Zweifel", also wohl die mit der Wende sich einstellenden Probleme. die Zweifel an einem politisch befriedigenden Ausgang, angesichts der derzeitingen "Wirklichkeit" in den Hintergrund treten - "Ich habe das Gefühl / Als träume die Wirklichkeit / Gegen alle Zweifel an" - und die, wenn auch verhalten ausgesprochene "Hoffnung" am Ende offenbaren einen unkritischen, wenig problembewußten lyrischen Text. Daß er nur eine Dimension der Wende und ihrer Folgen zeigt, das Ende der Eingeschlossenheit, ist dem Autor nicht vorzuwerfen, denn jeder weiß, wie fundamental wichtig die neue Freiheit war. Freiheit war. Fragwürdiger und, man könnte sagen, geistig konservativ oder provinziell, ist der Naturvergleich : "Plötzlich sind die Straßen wieder / Wie fließende Gewässer" Die komplexen politischen Vorgänge werden in Naturbildern versinnlicht (ein Vergleich, der unstimig ist, da ja auch die Gewässer durch die Grenze oder Mauer getrennt waren); die Hoffnung auf eine politisch befriedigerde Lösung der derzeitigen Verworrenheit glaubt der Verfasser an dem sich färbenen Ahom - und Kirschlaub ablesen können, obwohl ja die Herbstfärbung sich such in den schlimmen Jahren der Ulbrichtdiktatur einstellte, in denen der jahreszeitllche Rhythmus, auf den das Gedicht ausklingt, ebenso gültig war als in diesem Herbst.

So subjektiv wichtig dieses Gedicht für seinen Verfasser aus dem erlebenden Augenblick heraus gewesen sein mag, so wenig kann es intersubjektiv überzeugen, denn es deckt die Phänomene der Wirklichkeit nicht auf, sondern im Gegenteil, es verdeckt sie unter optischen Gegebenheiten.

  Solcher Aufdeckung der neuen Wirklichkeit mit ihren schon bald sich einstellenden Folgen gelten Gedichte, deren Verfasser auf einer höheren Reflexionsstufe vielfältigere Verfahren der Verfremdung Anwenden, die es mit Mitteln der Ironie, Satire, Groteske oder Parodie eine Distanz schaffen, um von ihr aus um so konziser das ZSiel zu treffen. Drei Beispiele mögen derartige Qualitäten veranschaulichen. Hans Arnfried Astel :

 

Ausverkauf

 

Durch das

jüngfräuliche

Loch in der Mauer

reicht mir der

blutjunge Grenzer

sein Koppelschloß

zum Verkauf hin,

Hammer & Zirkel,

gegen Devisen.

 

  Mit ganz wenig Worten ist hier in einem Bild, das der Wirklichkeit unmittelbar nach der Maueröffnung exakt entspricht, die gesamte Problematik bei der Konfrontation von abgewirtschaftetem Kommunismus und dominierendem Kapitalismus so eingefangen, daß DER lESER DEN "Ausverkauf" als Prostitution erfährt und die sich öffnende Mauer weniger als Chance des 'come togeter', denn als Mittel der Ausbeutung.

 

Richard Pietraß demonstriert das Spekulationsobjek 'Ehemalige DDR' in folgenden Versen :

 

Randlage

 

Die letzte Saat

Des Felds ist aufgegangen.

Ellenbogen

Vermessen das Land.

 

Pflücke stückeln

Roggenschläge.

Zins- und Pferdefuß

Gehen zur Hand

 

Am Rapsrain

Trapst die Nachtigall.

Die Säge singt

Im Holunder.

 

Die Bauern motten

Pflüge ein.

Dem Schafstall

Blüht ein Quellewunder

 

Wohin ich Habnicht sehe

Sieht mich das Ende an.

Ich stehe und verstehe.

Wende sich wer kann.

 

  Weniger die sattsam aus der Medienberichterstattung oder eigener Erfahrung bekannte Thematik ist erwähnenswert; - die rigorose Umwandlung des agrarischen Landes zu Bauplätzen durch westliche "Ellenbogen", die Naturzerstörung, das Ende ländlicher Lebensformen -, erwähnenswert ist die Art der poetischen Darbietung. Im Text überlagern sich Segmente beider Welten, der absterbenden idyllischen und der gewaltsamen kapitalistischen, so, daß zugleich die mit dem Umwandlungsprozeß einhergehende Hinterlist und Betrügerei angesprochen werden : "Zins-und Pferdefuß / Gehn zur Hand" "Am Rapsrain / Trapst die Nachtigall." Die Evokation eines "Quellewunders", das "dem Schafstall blüht", assoziiert eine in der alten Welt vielleicht noch gültige religiöse Aura, die durch die neue Welt der Quelle - Kaufhäuser jäh zerstört wird. Die Schlußzeile "Wende sich, wer kann" vereinigt in ihrer beabsichtigten Ungbestimmtheit Zynismus, Resignation und Ratlosigkeit, und entwirft damit eine Stimmungslage, die viele betrifft.

  Andere Gedichte bringen die gegenwärtigen Ereignisse durch Anspielungen auf literarische Vorbilder in weitere und komplexere Dimensionen. So zum Beispiel Harald Gerlach :

 

Utopia

 

Um die Gipfel kreisen

Die Adler. Und mein Traum wies

im Lande ein Feld: Republik

der Gelehrten - Dort, Diotima,

laß uns sein. Sinclair, mein

Präsident! Get üllt in den Mantel

Der Poesie schreitet

dein Hohepriester. Auf eilig

verhökertem Boden. Vorbei. Vorüber.

 

Nebel. Das Reich der Gedanken

bleibt landlos.

 

DRINK

 

COCA COLA LIGHT ! So kam ich

unter die Deutschen. Handwerker

fand ich ... Allianzverichert.

Shake hands, Scardanelli.

 

  Welche Assoziationen löst ein Texi dieser Art aus? Auf alle Fälle erweist er sich als mehrdeuting und hintergrüding. Zunächst könnte sich der Eindruck ergeben, als würden mit dem Rückgriff auf Friedrich Hölderlin und seine Welt, Sinclair und Diotima, die gegenwärtigen Probleme resignierend relativiert. Schon Hölderlin und verwandte Geister konnten ein besseres und humaneres Territorium als "Republik der Gelehrten" nicht verwirklichen, sondern nur als utopische Alternative figurieren ; "Das Reich der Gedanken/bleibt landlos." In dieser Tradition stehend, erweisen sich die heutigen Versuche einer menschlicheren Gesellschaft als bloße Wiederholung dessen, was schon vor zweithundert Jahren ergebnislos diskutiert wurd. Die Situation erscheint hoffnungslos. Andererseits könnte der Text auch eine zuversichtliche, hoffnungsvolle Dimension enthalten. Die Wendung "Handwerker / fand ich ... Allianzversichert" aktualisiert ja unmittelbar Hyperions Scheltrede üder die Deutschen; "[...]ich kann kein Volk mir denken, das zerrißener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen [...]"12) Da aber Hölderlin Hyperion diesen traurigen Befund der Deutschen an einen von der Allgemeinheit sich unterscheidenden edlen und im Sinne des Idealismus 'schönen' Deutschen schreiben läßt, an Bellarmin, spricht aus der Analyse der schlechten Gegenwart doch die Hoffung auf eine bessere Zukunft. Möglich ist eine solche durch humanitiäres Verhalten, und damit wäre die zunächst als fehlend beklagte "Utopia" grundsätzlich möglich. Wie man die Verse auch verstehen will, als Ausdruck der Resignation oder als Ausdruck verhaltener Hoffnung, sie bringen die jetzige Wendezeit in Parallele oder sogar in Zusammenhang mit der Zeit des großen Epochenumbruchs am Ende des 18. Jahrhunderts, im Übergang vom Ancien-Régime zu modernen Lebens-und Wissensformen und assoziieren die damalige politische Zerrissenheit mit der heutigen, deren Reflexe und Auswirkungen im deutschen Charakter und in der deutschen Geschichte liegen. Ich sehe in diesem Text einen Appell an potentielle Autoren, das Thema der deutschen Wende künfting nicht nur auf die unmittelbaren Fakten an der Oberfläche zu beschränken, sondern es in größeren und tieferen Zusammenhängen anzugehen.

 

3)

 

  In der folgenden, nur kurz zu erwähnenden dritten Gattung, dem Drama, sehen wir davon noch keine Spuren. Rolf Hochhuth bemüht 1993 in seinen "Szenen aus einem besetzten Land", "Wessis in Weimar"13) noch einmal die schon etwas angestaubte Gattung des Dokumentarstücks. Angestaubt nicht wegen der Nähe zur seit 1990 von einigen Kritikern leichtferig diffamierten "Gesinnungsästhetik"14) engagierter Literatur, sondern wegen der ganz praktischen Erwägung, daß heute eine vorrangig auf Aufklärung und Information zielende Literatur deswegen an Effizienz einbüßt, weil diese Funktionen von den Medien viel schneller und genauer geleistet werden. Der Autor von Dokumentarliteratur kann nicht mehr mit dem Jounalisten und politischen Kommentator konkurrieren. Als Hochhuth sich 1963 in seinem Stück "Der Stellvertreter" mit der Rolle der katholischen Kirche und insbesondere des Papstes im Nationalsozialismus auseinandersetzte und dabei im Verständnis des Theaters als moralischer Anstalt eine Fülle bis dahin unbekannten dokumentarischen Materials verarbeitete und im Anhang vorlegte, erregte er zu Recht Aufsehen und brachte die Gattung des bendesrepublikanischen Dramas zu einem Höhepunkt. Wenn er dreißig Jahre später das gleiche Verfahren anwendet, erweist er sich als anachronitisch oder im literarischen Sinne als konservativ. Denn seine Themen - Treuhand-Affären, Konflikte mit den EG-Prämien, die Abwicklung an den Hochschulen und Akademien, Enteignungs-und Besitzprobleme, die Arbeitslosigkeit - werden in Presse und Fernsehen viel gründlicher und aktueller diskutiert, während Hochhuths Stück notwendigerweise auf dem Stand von 1993 stehenbleibt. Somit erweist sich ein fiktionaler Text, wie Christoph Heins Komödie "Randow"15), zeitgemäßer und effektiver, da in ihr, von Faktenschwere unbelastet, eine politische mit einer privaten Handlung in pointierter Weise verbunden ist.

 

4)

 

  Der Komödie vergleichbar ist die lockere, ironisch pointierte und satirisch ausgerichtete kurze Erzählprosa. Stefan Heym kam mit seinen "Sieben Geschichten aus der unmittelbaren Vergangenheit", "Auf Sand gebaut"16) schon 1990 auf den Markt. Eine genauere Untersuchung müßte prüfen, ob nicht die DDR-Wirklichkeit allzu sorglos verharmlost wird. Möglicherweise verleiten auch die Regeln der Kurzgeschichte dazu, komplizierte Zusammenhänge vereinfacht auf den Punkt zu bringen und Klischees nicht zu vemeiden. Dieser Gefahr entgeht auch das Pendant aus Westlicher Seite nicht, nicht etwa, wie man vermuten könnte, weil hier die Mentalität der Bundesrepublik beschönigt würde, Friedrich Christian Delius sucht in seiner Erzählung "Die Birnen von Ribbeck"17), die aus einem einzigen Satz von allerdings über siebzig Seiten besteht, die Entrüstung der ostdeutschen Bewohner des von Fontane bekannten Dorfes über den aufdringlich großspurigen Einfall der Westler zuformaulieren und gerät dabei zumindest in Gefahr, ganz gegen seine Absicht den Eindruck zu erwecken, den Ostdeutschen das Wort aus dem Mund zu nehmen, das zu sagen, was man von ihnen zu hören erwartet hätte, sie also zu bevormunden.18) Die figurierte Authentizität ist eine simulierte Authentizität und die dargestellte Entrüstung ist simuliete Entrüstung. Daß gerade der als aufklärerischer Kritiker der repressiven Strukturen der Bundesrepublik bekannte Delius in ein solches Fahrwasser gerät, zeigt erneut die Problematik, politsche Fakten zu direkt fiktional zu verarbeiten.

 

5)

 

  Romane mit ihrem längeren Atem und differenzierteren Möglichkeiten scheinen für die Aufarbeitung politischer Ereignisse geeigneter zu sein. Wenn ich dennoch nur kurz auf sie eingehe, so deswegen, weil bisher - so weit ich sehe  - noch kaum überzeugende Beispiele vorliegen, jedenfalls von westlicher Seite. Hanns - Josef Ortheils "Abschied von den Kriegsteilnehmern"19)(1992) geriert sich zwar als Zeitroman, ist aber de facto eine eher im Stil der Väter -Bücher der siebziger Jahre geschriebene Vergangenheitsdurcharbeitung, deren Handlung 1989 vor der deutschen Botschaft in Prag endet, ohne daß aus ihr plausibel würde, warum dieses Jahr einen Abschluß der Geschichte der Bundesrepublik bedeuten solle. 1989 als Ende von der Kriegsschuld und ihren Folgen wäre eine allzu große Harmonisierung der Geschichte. Noch vordergrüdiger bleibt in Ulrich Woelks "Rückspiel"20)(1993) die deutsche Vereinigung Kulisse für eine Handlung, die ebenfalls in die nationalsozialistische Zeit zurüchführt. Infolge der Maueröffnung greift sie zwar nach Ost-Berlin aus, aber stringente Verbindungen fehlen, und die eingestreuten Fakten wirken aufgesetzt.

  Gegenüber diesen eher biederen Verquickungsversuchen von privater Handlung mit politischer Gegenüber diesen eher hiederen Verquichkungsversuchen von privater Handlung mit politischer Geschichte bedeutet Thomas Hettches Roman "Nox"(1995)21) einen experimentellen Neuanfang. Statt Wirklichkeitschilderung und Mimesis : Allegorie ; die Ereigisse sind aus der Sicht einer Leiche geschildert, das schmerzliche Verhältnis Ost-West offenbart sich in einer sadomasochistischen Beziehung, die Ostberliner Wirklichkeit erscheint in einer parthologisch-anatomischen Sammlung monströser und deformierter Präparate, Wunden - und Schmerz- Themaik läßt die Deformation deutscher Identität in einer 'anderen' Sprache erahnen.22) Trotz oder wegen der Irritation könnte Hettches Roman den Anfang einer neuen Art bedeuten, literarisch mit der Wende umzugehen.

  Interessantere Texte liegen von östlicher Seite vor. Wolfgang Hilbigs "'Ich'"23), der große Roman über die Staatssicherheit und das von ihr am Ende der DDR künstlich am Leben gehaltene Denunziantentum befriedigt besonders das Informationsbedürfnis. Seinen außergewöhnlichen Reiz erhält er aber durch den Kunstgriff des Autors, nicht aus der Opfer-, sondern aus der Täterperspektive des Spitzels zu erzählen. Literarisch anspruchsvoller sind zwei Romane von Frauen, die bisher noch kaum beziehungsweise gar nicht an die Öffentlichkeit getreten sind: Brigitte Burmeister und Marion Titze. Brigtte Burmeisters Roman "Unter dem Namen Norma"24) zeichnet einen Entwurf, in dem die Erinnerung an die DDR, kulminierend im Ereignis des 17. Juni 1953, zwischen dem 14. Juli 1789 - die Ich-Erzählerin übersetzt die Biographie des Revolutionärs Antoine de St. Just - und der Zeit nach der Wende in Ost-und Westdeutschland gespiegelt ist. Die drei sich verschränkenden Zeitebenen und die raffiniert eingefädelte Differenz zwischen westlicher Erwartungshaltung und tatsächlicher Lebenswirklichkeit - die Ich - Erzählerin gibt nur vor, eine informelle Mitarbeiterin gewesen zu sein - ermöglichen intime Einblichke in die Mentalität der Zeit weit über die bloße Vermittlung von Fakten hinaus. Das Vertraute wird in der doppelten Brechung von Fernem und Fremdem sichtbar.

  Ist hier der Revolutionär St. Just der historische Bezugspunkt, so in Marion Titzes Roman "Unbekannter Verlust"25) der Dichter Novalis. Zu DDR-Zeiten galt er der Ich-Erzählerin und ihrem Freund, dem Filmemacher Daniel, als Symbol einer besseren, freien, utopischen Sphäre; nach der Wende, als sich Daniel von den westlichen Marktgesetzen des Filmgeschäftes korrumpieren läßt, rückt er in die Nähe der Vorläuferschaft "deutschen Wesens" nationalsozialistischer Ideologie, so daß sich beider Wege trennen.

 

 

Ⅱ.

 

  Der Üerblick, so gedrängt er hier notwendigerweise sein mußte, hat immerhin eines gezeigt, daß die Wende ein literarisches Thema ist oder zumindest beginnt, ein literarisches Thema zu werden. Ansichten wie zum Beispiel die 1993 von Andreas Isenschmid vertretene:"Wenn man über Deutschlandeinheitwende spricht, spricht man nicht über Literatur. Und wenn man sich den intensiven literarischen Erfahrungen zuwendet, spricht man nicht über Deutschlandeinheitwende"oder seine Behauptung:"Im Westen ist die Wende kein literarisches Datum"26),stimmen in dieser Pauschalität nicht. Es fragt sich aber auch, ob Volker Brauns Prognose stimmt, als er im März 1990 auf dem Außerordentlichen Schriftstellerkongerß der DDR in Berlin sagte:"[..] das mächtige Bächlein wird seinen Lauf jetzt ändern... Die zwei nahen deutschen Flußarme werden sich vereinigen, irgendwann in der problematischen Landschaft. Es sind beides reiche und eigenwillige Strömunger, und die DDR-Literatur wird ihre Eigenart einbringen, vielleicht behaupten, eben weil sie etwas Besonderes war. Weil Literatur in diesem Land etwas Besonderes war. Das ist nicht unser Verdienst: sie war das besonders Gebrauchte, das schon auf menschliche Lösungen sann, für die es hier keinen Ersatz gab. Von diesem Ursprung reißen wir uns nicht los."27)

  Diese beiden Meinungen zeigen zumindest eines: Bei allen weiteren Äußerungen oder Prognosen über die deutsche Gegenwartsliteratur muß man grundsätzlich zur Zeit noch zwischen östlicher und westlicher unterscheiden. Nur in dieser Doppelheit kann man fragen, ob es eine Wende im Sinne einer Veränderung in der Literatur gibt.

Was zunächst die Literatur der früheren DDR betrifft, so sind sich wohl mittlerweile so gut wie alle Autoren und Kritiker darüber einig, daß ihre einstigen Qualitäten, Trost und Orientierungshilfe, geistige Kommunikation, Herstellen einer kritischen Öffentlichkeit, daß solche Ersatzfunktionen und ihre hohe Wertschäzung in der bisherigen Art und Weise im vereinten Deutschland nicht mehr gültig sein können. Ob sie aber ganz verschwinden, wie neben anderen Reingard Baumgart meint:"Denn nichts spricht dafür, daß sich nach dem Ende der DDR ausgerechnet in der Literatur etwas erhalten wird, was sich auf allen anderen Gebieten in den Westen hinein auflöst"28), bleibe zunächst einmal dahingestellt. Jurek Becker, der diese Meinung teil, empfiehlt den DDR-Autoren, seinen einstigen Kollegen, "Anpassung an den Markt", eine neue "leichtigkeit" und "Leichtfertigkeit", er ermuntesrt sie, Teil der westlichen" Vergnügungsindustrie"zu werden, handele es sich doch hier um eine"Umgebung, die an Literatur[..] vollkommen uninteressiert ist", und besonders: " Von nichts sind Publikum und Feuilleton so schnell gelangweilt, wie von Gesellschaftskritik."29)

Ob dahinter Ernst oder zynische Ironie steckt, ist schwer zu entscheiden. Sicher aber wäre Anpassung die billigste Lösung. Jurek Beckers eigene Entwicklung bestätigt allerdings seine Aussage: Seit 1977 im Westen, haben seine Veröffentlichungen ihre einstige Bissigkeit, Substanz und Gedankenfülle ganz verloren und sind zu trivialen unterhaltungsstoffen herabgesunken, wic seine Fermsehfolge "Wir sind auch das Volk" am peinlichsten zeigt. Doch auch in seinem letzten Roman, "Amanda herzols"30), erscheint die DDR nur in Klischees und Unernst.

Die hier vorgestellten Beispiele zeigen doch ein anderes Bild. Bedenkt man, daß die DDR-Autoren, gerade auch wenn sie kritisch gegen die Staatsdoktrin anschrieben, durch die Zensur so etwas wie eine "Orientierungshilfe", einen "Kompaß"31) besaßen, der ihre Scrheibweise steuerte, so haben sie jetzt die offene Aussprache gelernt oder zumindest erprobt. Rosenlöcher formulierte die damit einhergehenden Schwierigkeiten. Schon das ist ein Element einer Wende.

Als eine Stimme unter vielen sei Helga Königsdorf zitiert : "Das Wiederentdecken der literarischen nah der zeitweiligen publizistischen Ausdrucksmöglichkeit ist für mich fast so faszinierend wie das erste Mal, als ich es auch dringend brauchte."32)'Wiederentdeckt' wurden ja - wie an den vorbestellten Beispielen deutlich ist - von den DDR-Autoren die in der Bundesrepublik gewohnten Gattungen : die Bekenntnisliteratur, das Protokoll, das öffentiliche Tagebuch, monologische Ich-Ausprache, unterschiedliche Formen der Lyrik, die der Dokumentarliteratur nahestehende Komödie, die Kurzgeschichte, der Zeitroman. Was von unserer Seite der ehemaligen Bundersrepublik als eine Wiederholung erschiene, bedeutet, wenn Autoren der ehemaligen DDR diese Gattungen erproben, für sie eine Entdeckung. Schon diese Ergebnisse, die sich ja von der DDR-Literatur unterscheiden, sind ein weiteres Moment einer Wende im Sinne einer Veränderuag. Die zuletzt genannten Romane von Brigitte Burmeister und Marion Titze sind aber über eine 'Wiederentdeckung' hinaus als eigenständige Leistungen einzuschätzen, die weder in der Literatur der DDR noch in der Bundesrepublik Vorlagen haben. In der jeweils unterschiedlichen Verbindung mehrerer Zeitebenen und Erzählstränge mit dem Ereignis von 1989 und seinen Auswirkungen könnte man vielleicht Paul Klees Postulat erfüllt sehen "Kunst gibt nicht das sichtbare wieder, sondern macht [das Verborgene] sichtbar"33) Eine Wende in der Schreibweise sehe ich hier am ausgeprägtesten erreicht, und es zeigt sich, daß das politische Ereignis der Wende literatische Kreativität freisetzt.

Was die Literatur der Bundesrepublik betrifft, so wurde schon erwähnt, daß für ihre Autoren die Verwendung der genannten Gattungen lediglich Wiederholung von Bekannten ist. Demnach sind ihre Beiträge zum Thema Wende ästhetisch minderer einzustufen. Besonders deutlich zeigte sich das Reproduzierende bei der Wiederaufnahme des Dokumentarsücks, aber auch bei der nur vordergründig zusammengeführten Verbindung von politischen und ficktionalen Momenten im Zeitroman, der bisher allein Thomas Hettche mit seiner neuen allegorischen Verfremdungstechnik entging.

Dennoch ist die Meinung, daß die Wende für westliche Autoren kein literarisches Thema sei, wohl kaum zutreffend, nur wird man überzeugende Leistungen nicht sogleich erwarten können. Die Geschichte der Literatur zeigt, daß es immer eine längere Zeit brauchte, bis politische Ereignisse Reflexe in literarischen Texten auslösten.

Festzuhalten ist jedenfalls, daß zur Zeit eine äußerst spannende und einzigarting Situation besteht : In den meisten Epochen der Geschichte bildete Deutschland eine Kulturnation, jedoch keine Staatsnation . Das heißt : gemeinsame Sprache und Literatur waren vorhanden, politisch und wirtschaftlich dagegen herrschte ein Partikulatismus. Im Gegensatz dazu haben wir jetzt eine politische und wirtschaftliche Einheit, aber eine Verschiedenheit der Kultur und Literatur deren sichtbarer Ausdruck die zwei deutschen PEN-Zentren bilden. Oder, um es politisch zu formulieren : Die staatliche Einigung Deutschland erfolgte nach Artikel 23 des Grundgestzes als Beitritt der DDR; die Zusammenführung der beiden Literaturen könnte dagegen Artikel 146 entsprechen, nach dem in freie Entscheidung eine Verfassung, also eine neue Literatur beschlossen beziehungweise entwichkelt wird, mit der das Grundgesetz, also die bisherige Literatur der Bundesrepublik, ihre Gültigkeit verliert.

Käme diese Konstruktion zustande, wäre das Ergebnis sicherlich konstruktiv: Verändrte, nämlich ernstere und gewichtigere Schreibweisen könnten Phänomene der Intertextualität und Simulation sowie andere Mechanismen der Protmoderne in ihrer internationalen Gleichförmigkeit aufrauhen, den literarischen Stil insgesamt profilieren. Und die Wende als literarisches Thema, das - wie an einigen Beispielen schon deutlich wurde- zu einer Auseinanderstzung mit der deutschen Frage und Identität überhaupt und in die Vergangenheit führt - über das Dritte Reich zum Epochenumbruch der Französischen Revolution - könnte der gegenwärtigen Literatur mehr Ernst und Substanz verleihen, aus Spielerei zu existentiellen Fragen fügren. Beide Momente würden die deutsche Literatur aufwerten und ihr auch im Ausland höheren Rang verleihen. Denn je internationaler eine Literatur ist, desto langweiliger ist sie. Ihr fehlt das Besondere und Prägende. Je mehr sie sich mit den eigenen Problemen befaßt, die in diesem Fall, den Auswirkungen von Kapitalismus und Kommunismus, ja zugleich allgemeine Probleme sind, desto spannender kann sie werden.

 

각주

* Prof. Dr., Ludwigs-Maximilian Uni. München

1) Vgl. Helmut Peitsch: 'Antipoden' im 'Gewissen der Nation'? Günter Grass' und Martin Walsers 'deutsche     Fragen'. In : Helumt Soheuer (Hg.):Dichter und ihre Nation. Frankfurt: Suhrkamp 1993, S. 459-489.

2) Christa Wolf : Im Dialog. Aktuelle Texte. (Sammlung Luchterhand)Hamburg, Zürich: Luchterhand 1990, S.     161.

3) Christoph Hein: Unbelehrbar - E. Fried. Rede zur Verleihung des Erich-Fried-Preises am 6.5.1990 in Wien.     In : Lothar Baier (Hg.) : Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder.(Sammlung Luchterhand 943) Hamburg, Zürich :     Luchterhand 1990, S. 22. Vgl. Hans Kügler: Positionen - Schriftsteller zur deutschen Einheit(1989-1990).     Über die Verarbeitung politischer Erfahrungen. In : Praxis Deutsch 19 (1992), H. 112, S. 4-14

4) Thomas Anz (Hg.): "Es geht nicht um Christa Wolf ". Der Literatursturstreit im vereinten Deutschland.     München: edition spangenberg 1991 ; Karl Deiritz ; Hannes Krauss (Hg.) ; Der deutsch-deutsche

    Literaturstreit oder "Freunde, es spricht sich schlecht mit gebundener Zunge." Analysen und Materialen.     (Sammlung Luchterhand 1002) Hamburg, Zürich: Luchterhand 1991.

5) Zitiert in Karl Otto Conrady(Hg.):Von einem Land und vom anderen. Gedichte zur deutschen Wende. (edition     suhrkamp Leipzing 1829) Frankfurt a. M. : Suhrkamp 1993, S. 190

6) Thomas Rosenlöcher : Die verkauften Pflastersteine. Dresdener Tagebuch. (edition suhrkamp 1635)     Frankfurt a. M. : Suhrkamp 1990, Zitate S. 72, 42, 22, 37f., 35, 82f.

7) Thomas Rosenlöcher: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Von Dresden in den Harz.(edition     suhrkamp 1685) Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991

8) Cees Nooteboom: Berliner Notizen. (edition suhrkamp 1639) Frankfurt a.M. : Suhrkamp 1990

9) Kurt Drawert : Spiegelland. Ein deutscher Monolog. (edition suhrkamp 1715)

    Frankfurt a.M. : Suhrkamp 1992, Zitate S. 37, 101, 104, 156f.

10) Hubert Winkels : Leichendeutung. Kurt Drawerts "Spiegelland. Ein deutscher Monolog" In : Die Zeit, Nr. 46.     6. 11. 1992 ; Elsberth Pulver : Ein deutscher Monolog. Zum ersten Prosabuch von Kurt Drawert. In : Neue     Zürcher Zeitung, 12. 1. 1993

11) Conrady ; Von einem Land zum andern (Anm. 5), Zitate S. 12. 20. 118, 73

12) Friedrich Holderlin ; Hyperion oder der Eremit in Griechenland. In; F.H.: Sämtliche Werke. Kleine Stuttgarter      Ausgabe. Hg. von Friedrich Beissner. Bd. 3. Stuttgart ; Kohlhammer, Cotta 1958, S. 160

13) Rolf Hochhut : Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land. Berlin: Verlag Volk und Welt ; 1993.

14) Ulrich Greiner : Die  deutsche Gesinnugsästhetik, Noch einmal : Christa Wolf und der deutsche      Literaturstreit. Eine Zwischenbilanz. In : Die Zeit, 2.11,1990; wieder abgedruckt in Anz (Hg.); "Es geht nicht      um Christa Wolf"(Anm.4), S. 208-216

15) Christoph Hein : Randow. Eine Komödie Berlin : Aufbau - Verlag 1995

16) Stefan Heym : Auf Sand gebaut. Sieben Geschichten aus der unmittelbaren Vergangenheit. München ;      Bertelsmann 1990; (Fischer Taschenbuch 11270) Frankfurt a. M. : Fischer Taschenbuch Verlag 1993.

17) Friedrich Christian Delius : Die Bimen von Ribbeck, Ezählung. (Rowohlt Taschenbuch 13251) Reinbek;      Rowohlt 1993.

18) Vgl. Reinhard Baumgart: Deutsch-deutsche Sprechblasen. Friedrich Christian Delius' Beitrag zur deutschen      Einheit. In : Die Zeit, Nr. 13,22.3, 1991, Literatur, S. 13

19) Hanns-Josef Ortheil : Abschied von den Kriegsteilnehmern. Roman. München : Piper 1992

20) Ulrich Woelk : Rückspiel. Roman. Frankfurt a. M. : Fischer 1993.

21) Thomas Hettche : Nox. Roman. Frankfurt. a. M. : Suhrkamp 1995

22) Vgl. Michael Basse : Tiefer Schnitt ins deutsche Fleisch. Thomas Hettches Roman aus der Nacht, in der die      Mauer fiel. In : Süddeutsche Zeitung, Nr. 80, 5,4. 1995, Literatur, S. 1 .

23) Wolfgang Hilbig : "Ich" Roman. Frankfurt a. M. : Fischer 1993.

24) Brigitte Burmeister ; Unter dem Namen Norma. Roman, Stuttgart ; Kleu-Cotta 1994

25) Marion Tize : Unbekannter Verlust. Berlin : Rowohlt Berlin Verlag 1994

26) Andreas Isenschmid : Literatur nach der "Wende" - die Situation im Westen, In: Neue Deutsche Literature      1993, H.8, S. 172-178, Zitate S. 173, 175.

27) Volker Braun : Das Unersetzliche wird unser Thema bleiben. In: Neue Deutsche Literatur 1990, H.6, S.6-9,      Zitat S. 8f

28) Reinhard Baumgart : Der neudeutsche Literaturstreit. Aplaß, Verlauf, Vorgeschichte, Folgen. In ; Heinz      Ludwig Arnold(Hg.) ; Vom gegenwärtgen Zustand der deutschen Literatur. Text+Kritik 113 (1992), S. 72-85,      Ziat S. 85

29) Jurek Becker : Die Wiedervereinigung der deutschen Literatur. In : German Quarterly 63 (1990), S.      359-366, Zitate S. 364f

30) Jurek Becker : Amanda herzlos. Roman. Frankfurt a. M. : Suhrkamp 1992.

31) Becker; Wiedervereinigung (Anm. 29), S. 362

32) Zitiert naeli Dunja Welke : Deutsche Einheit : "Aus" für die DDR-Literatur? Zur Situation der Schriftsteller      nach der Wende. In : Der Ginkgobaum. Germanistisches Jahrbuch für Nordeuropa 11 (1992), S. 240-251,      Zital S. 248

33) Paul Klee : Schöpferische Konfession. Zitiert nach : Nello Ponente : Klee. Biographisch - kritische Studie.      Genf : Skira 1960. S. 56.