Geleitwort

Unser Institut hat am 16. Oktober ein Seminar zur Geschichte der deutsch-koreanischen Zusammenarbeit im Raum Busan veranstaltet. Die Vorträge, die dort gehalten wurden, finden Sie in diesem Sonderheft unseres Instituts.

Die deutsch-koreanischen Beziehungen sind ungewöhnlich eng für Länder, die eigentlich verschiedener kaum sein könnten. Deutschland liegt in der Mitte Europas im Brennpunkt vieler Interessen, die zu einer vielfältigen Befruchtung durch seine vielen Nachbarn und auch zu zahlreichen Erschütterungen beigetragen haben. Auch im Sinne der alten chinesischen Verwünschung “Mögest Du in interessanten Zeiten leben” war die deutsche Geschichte selten langweilig. Korea dagegen liegt am äußersten Rand Ostasiens, hat nur drei Nachbarn und hat sich dazu noch über Jahrhunderte von der Außenwelt abgeschlossen. Deutschland war gleich am Anfang des 19.Jahrhunderts Teil und Motor der Industrialisierung, Korea dagegen ist erst 150 Jahre später als dann aber besonders erfolgreicher „Tiger“ dem Club der „Newly Industrialized Countries“ beigetreten. Trotz dieser Differenzen und der enormen geographischen und kulturellen Distanzen sind die deutsch-koreanischen Beziehungen weitestgehend konfliktfrei und von gegenseitigem Respekt und Vertrauen getragen.

Symptomatisch für diese Besonderheit mögen die Vertragsverhandlungen sein, die der deutsche Generalkonsul in Yokohama, Carl Eduard Zappe, 1883 mit Korea geführt hat. Der Leiter der ihm gegenüberstehenden koreanischen Seite war nämlich auch ein Deutscher, Paul Georg von Möllendorf, der auf Empfehlung des chinesischen Hofes bei der koreanischen Regierung als Berater angestellt war. Schon Möllendorf hatte sich als Inkubator und Wegbereiter der Modernisierung Koreas verstanden und und den ersten Wissens- und Technologietransfer von Deutschland nach Korea eingeleitet. Seine Beiträge zur Entwicklung des Finanz-, Justiz- und Militärwesens und der Einführung moderner Techniken in Landwirtschaft und der Industrie wurden maßgeblich für die weitere Entwicklung Koreas.

Im Anschluss an Möllendorf, Musikmeister Eckert und die anderen frühen Deutschen in Korea ging dieser Wissenstransfer auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter, jetzt allerdings auf dem Umweg über Japan. In einer Ironie der Geschichte hatte sich Japan von seinem ursprünglichen Vorbild Frankreich abgewandt, als Deutschland im deutsch-französischen Krieg 1870/71 gesiegt hatte. Die Hochschätzung Frankreichs in Japan war bis zu diesem Zeitpunkt derart, dass heutzutage geradezu irreal anmutende Vorschläge gemacht wurden, Japanisch als Landessprache abzuschaffen und durch Französisch zu ersetzen. Nach 1871 aber sah sich Japan durch den Kriegsausgang von der Überlegenheit Preußens und Deutschland überzeugt und räumte jetzt dem Studium der deutschen Sprache, der deutschen Kultur, Wissenschaft und Technik Priorität ein. Diese Sonderstellung Deutschlands in der japanischen Perzeption war deshalb auch in der Kolonialzeit für Korea prägend. Dass Deutsch im Anschluss an den 2. Weltkrieg noch bis in die 90er Jahre die erste „zweite Fremdsprache“ in Korea war und dass die koreanischen Juristen ihre ausländischen akademischen Grade fast ausschließlich in der Bundesrepublik erworben hatten, ist nur auf diesem Hintergrund verstehbar.

Deutschland hat aber auch nach dem Krieg, nachdem das „Wirtschaftswunder am Rhein“ bewirkt war, Korea nicht vergessen und dem ebenfalls total verwüsteten und vom Schicksal der Teilung betroffenen Land brüderlich Hilfe geleistet. 1961 erreichte die deutsche Entwicklungshilfe für Korea die damals beträchtliche Höhe von 75 Millionen DM, die vorrangig zum Aufbau der Kohleindustrie und des Fernmeldenetzes eingesetzt wurden. Das Wirtschaftswunder hatte zu dieser Zeit in Deutschland bereits zu einem ersten Arbeitskräftemangel geführt, der durch Anwerbung südeuropäischer „Gastarbeiter“ kompensiert wurde. Um dem von Wirtschaftskrisen geschüttelten Südkorea zu helfen, wurde es als einzige nichteuropäische Ausnahme zu den Anwerbeländern hinzugefügt und zuerst koreanische Bergarbeiter und später dann auch Krankenschwestern und Praktikantinnen in die Bundesrepublik eingeladen. Damit kam es auch zum ersten, zahlenmäßig substantiellen Austausch von Menschen zwischen unseren beiden Ländern.

In den Folgejahren sind zahlreiche andere Programme aufgelegt worden. In Busan und im Busaner Umfeld sind dabei besonders die Programme der damaligen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit zu nennen, die den Aufbau eines modernen Abwassersystems und die Wiederaufforstung zum Ziel hatten. Neben der staatlichen Hilfe sind auch erhebliche Mittel der beiden großen Kirchen in Deutschland geflossen. Deren Priester, Ordensbrüder und -schwestern haben über viele Jahrzehnte aufopferungsvoll Hilfe für die Bedürftigen in ihrem Gastland geleistet. An der Schnittstelle dieser Bemühungen kam es dann in Busan auch zum Aufbau zahlreicher Sozialeinrichtungen und mehrerer Schulen.

Der Motor dieser Aktivitäten in Busan wurde Herr Kurt Schmidtke. Er hatte 1973 Praktikantinnen begleitet, die nach Korea zurückgekommen waren und hier ein Feld für seinen ganz außergewöhnlichen Tatendrang gefunden. Ich habe ihn 1982 kennengelernt, als er gerade Honorarkonsul für die Bundesrepublik geworden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits ein kleines Netzwerk von Stiftungen aufgebaut, die die beste Berufsoberschule in Busan, mehrere Kindergärten und Altenheime, ein großes Schullandheim und eine größere Siedlung mit Sozialwohnungen errichtet hatte. Als ungewöhnlich fähiger „Macher“ mit einem ebenso ungewöhnlichem sozialen Engagement war es ihm gelungen, Institutionen aufzubauen und deren finanzielle Grundlagen zu sichern, die einer Vielzahl von Koreanern eine Ausbildung in Korea und Deutschland ermöglicht und zu einem menschenwürdigen Leben für sie beigetragen hat. Die Gründung des Goethe-Zentrums, das zu Spitzenzeiten über 200 Schüler hatte, war einer seiner vielen Beiträge zur Pflege der deutsch-koreanischen Beziehungen. Er war bis zu seinem viel zu frühen Tod im Jahr 2003 die Anlaufstelle aller, die in Busan und Umfeld an Deutschland interessiert waren und Wohltäter für viele von ihnen, die der Hilfe bedürftig waren. Als sich in seinen letzten Jahren zum Wirtschaftswunder am Rhein das Wirtschaftswunder am Han gesellt hatte und sich die Koreaner im Süden immer mehr selbst helfen konnten, hat er als letztes großes Werk ein Altenzentrum jenseits der nordkoreanischen Grenze in Yeonbyeon aufgebaut.

Dieses Zentrum, in dessen Stiftungsrat ich jetzt bin, war im damals noch recht armen China so ungewöhnlich, dass es über lange Jahre Tourismusziel für neugierige Besucher wurde, die sich sehr gewundert haben, dass Senioren wie im Paradies leben konnten. Zumal es auch hier wieder viele koreanisch-stämmige Seniorinnen waren, die aus sehr beschränkten Verhältnissen kommen. Viele andere Sozialeinrichtung in diesem Bereich haben es sich zum Vorbild genommen und ich kann bestätigen, dass sich auch viele Altersheime in Deutschland weder an Komfort noch an der bedingungslosen Hingabe und Liebe der dort tätigen Ordensschwestern mit ihm messen können.

Sein Lebenswerk ist exemplarisch für die deutsch-koreanischen Beziehungen und ihm ist dieses Sonderheft gewidmet.